Tom ward gestreichelt und liebkost, Schamber ging leer aus. Tom bekam alle Leckerbissen, Schamber aß Maisbrei und sauere Milch, ohne Zucker. Deshalb wurde Tom ein schwächliches Kind und Schamber ein kräftiger Junge. Tom zeigte sich herrisch und widerspenstig, Schamber dagegen sanft und fügsam.

Trotz ihres gesunden Menschenverstandes, ihrer praktischen Tüchtigkeit, war Roxy als Mutter eine vollkommene Thörin und ganz vernarrt in ihren Sohn – ja, mehr als das: Durch die von ihr verübte Täuschung hatte sie ihn zu ihrem Gebieter gemacht; sie sah sich genötigt, dies Verhältnis äußerlich aufrecht zu erhalten und war fortwährend eifrig bemüht, dies durch ihr Benehmen kund zu thun. So fleißig und getreulich übte sie sich in der Unterthänigkeit, daß ihr deren Formen sehr bald zur Gewohnheit wurden. Die Folgen blieben nicht aus: Was anfänglich nur dazu dienen sollte, andere zu täuschen, führte mit der Zeit zum Selbstbetrug; die geheuchelte Ehrfurcht wurde zur wirklichen Ehrerbietung, die scheinbare Willfährigkeit zu völliger Unterjochung. Der kleine, ursprünglich kaum merkbare Abstand zwischen der vorgeblichen Sklavin und dem falschen Herrn, erweiterte sich allmählich zu einem tiefen, klaffenden Schlund, an dessen Rande auf einer Seite Roxy in ihrer Selbsttäuschung stand, und auf der andern ihr Sohn, den sie nicht mehr als unberufenen Eindringling, sondern als ihren anerkannten, rechtmäßigen Gebieter betrachtete. Sie liebte, fürchtete und verehrte ihn zu gleicher Zeit und vergaß in der Abgötterei, die sie mit ihm trieb, gänzlich, wer sie war und was er gewesen.

Der kleine Tom durfte Schamber schlagen, puffen und kratzen, so viel ihm beliebte, er wurde doch nicht gescholten, und Schamber merkte bald, daß es vorteilhafter für ihn war, wenn er die Mißhandlung schweigend ertrug, statt sich zu wehren. Nur ein paarmal, als es ihm zu arg wurde, hatte er sich dagegen empört und den Kampf aufgenommen, aber das kam ihm im Hauptquartier sehr teuer zu stehen. Zwar nicht von Roxys Seite, denn, wenn sie ihn auch scharf dafür anfuhr, daß er vergaß, wo er hingehörte und was er seinem jungen Herrn schuldig war, so bekam er doch zur Strafe von ihr höchstens eine Maulschelle. Nein, Percy Driscoll selbst übernahm das Strafamt. Er machte Schamber klar, daß er unter keinen Umständen das Recht habe, die Hand gegen seinen kleinen Gebieter zu erheben.

Dreimal überschritt Schamber dies Verbot, und erhielt dafür dreimal von dem Manne, der sein Vater war und es nicht wußte, eine so verständliche Tracht Schläge, daß er sich fürderhin Toms grausame Behandlung in aller Demut gefallen ließ und keine weiteren Versuche anstellte, sich ihr zu entziehn.


Außerhalb des Hauses sah man die beiden Kinder während ihrer ganzen Knabenzeit fortwährend beisammen. Schamber war sehr stark für sein Alter, weil er grobe Kost erhielt und schwere Hausarbeit thun mußte; auch stand er im Kampfe seinen Mann, denn er bekam reichliche Uebung. Tom ließ sich von ihm gegen die weißen Knaben verteidigen, die er nicht leiden konnte und vor denen er Angst hatte. Schamber diente ihm als beständige Leibgarde; er mußte ihn zur Schule begleiten, ihn abholen und in der Freistunde auf dem Spielplatz als sein Beschützer auftreten. Er stand beim Faust- und Ringkampf zuletzt in so gefürchtetem Ruf, daß Tom mit ihm hätte die Kleider wechseln und ›in Frieden von dannen reiten‹ können, wie Sir Kay, der Ritter von Artus Tafelrunde, in Lanzelots Rüstung.

In allen Spielen war er geschickt und wohlbewandert. Tom versah ihn z. B. mit den nötigen Murmeln, aber, wenn Schamber gewann, nahm er ihm alle Kugeln wieder fort. Schamber bekam Toms abgelegte Kleider; mochten aber seine Stiefel und Handschuhe noch so löcherig, die Hosen noch so dünn und durchgesessen sein, man sah ihn im Winter stets den Schlitten heraufziehen, in dem Tom warm eingehüllt saß und sich fahren ließ. Der kleine Diener kam natürlich nie auf den Schlitten. Auch Schneemänner und Festungen baute er nach Toms Anweisung; er durfte ihm als Zielscheibe dienen, wenn Tom Lust bekam, zu schneeballen, doch den Wurf zu erwidern war ihm nicht gestattet. Er trug Tom die Schlittschuhe nach dem Fluß, schnallte sie ihm an und trabte dann hinter ihm her auf dem Eis, um zur Hand zu sein, sobald er gebraucht wurde; aber daß er selbst einmal Schlittschuh laufen möchte, davon war keine Rede.

Im Sommer galt es als ein Hauptvergnügen für die Knaben in Dawson, den Landleuten, die zu Markte fuhren, Aepfel, Pfirsiche und Melonen aus dem Obstwagen zu stibitzen, hauptsächlich, weil sie dabei Gefahr liefen, mit dem Peitschenstiel des Fuhrmanns eins um die Ohren zu bekommen. Tom beteiligte sich stark an solchen Räubereien – schickte jedoch seinen Stellvertreter. Schamber besorgte das Stehlen und bekam zum Lohn dafür die Pfirsichsteine, Apfelbutzen und Melonenschalen.

Beim Schwimmen nahm Tom zum Schutz Schamber immer mit in den Fluß und behielt ihn in seiner Nähe. Hatte er genug, so schlüpfte er ans Land und machte Knoten in Schambers Hemd, die er ins Wasser tauchte, damit sie schwer wieder aufzuknüpfen wären. Nun zog er sich an und saß lachend daneben, während der nackte Junge, vor Kälte klappernd, mit den Zähnen an den festen Knoten zerrte.

Daß Tom seinem armen Gefährten so übel mitspielte, entstand teils aus seiner natürlichen Bosheit, teils aus Haß und Mißgunst, weil Schamber ihm sowohl an Mut und Körperkraft als an mancherlei Geschicklichkeit weit überlegen war. Tom konnte nicht tauchen, ohne fürchterliches Kopfweh zu bekommen, für Schamber war es eine Leichtigkeit und das reine Vergnügen. Eines Tages sah ihm eine Schar weißer Knaben zu, wie er, vom Heck eines Boots aus, Purzelbäume ins Wasser schoß; ihr lautes Beifallsklatschen ärgerte Tom so sehr, daß er das Boot weiter vorschob, während Schamber gerade in der Luft schwebte, so daß dieser mit dem Kopf auf den Bretterboden schlug. Während er nun bewußtlos dalag, benützten mehrere von Toms früheren Gegnern die längst ersehnte Gelegenheit und prügelten den falschen Erben so unbarmherzig durch, daß er sich später nur von Schamber gestützt mühsam nach Hause schleppen konnte.