Die Worte machten einen tiefen Eindruck auf Tom, aller Mutwillen war ihm vergangen.
»Höre, David,« sagte er im Ton der Entschuldigung, »du mußt nicht etwa denken, daß ich deine Wissenschaft herabsetzen wollte; es machte mir nur Spaß, dich ein wenig damit aufzuziehen. Bitte, laß dir doch einmal ihre Handflächen zeigen. Nicht wahr, du thust mir den Gefallen.«
»Jawohl, gern, wenn du es wünschest; aber, du weißt ja, ich habe nie Gelegenheit gehabt, mich ganz mit der Kunst vertraut zu machen und will auch nicht als Sachverständiger gelten. Wenn ein vergangenes, wichtiges Ereignis sehr deutlich in den Linien der Hand geschrieben steht, kann ich es meist erkennen, aber, was geringfügiger ist, entgeht mir oft – natürlich nicht immer, jedoch häufig. Wenn es aber gilt, in der Zukunft zu lesen, so bin ich meiner Sache nicht recht sicher. Ich spreche beinahe, als ob ich die Handwahrsagerei lebhaft betreibe, doch das ist durchaus nicht der Fall. In den letzten sechs Jahren habe ich kaum ein halbes Dutzend Hände untersucht. Die Leute fingen an, sich darüber lustig zu machen, und da ließ ich die Kunst einschlafen, um dem Gerede ein Ende zu machen. Wenn es Ihnen recht ist, Graf Luigi, will ich einmal einen Versuch mit Ihrer Vergangenheit machen – glückt mir der, dann – doch nein, an die Zukunft will ich mich überhaupt nicht wagen; das sollte wirklich nur ein ganz Kundiger thun.«
Als er Luigis Hand nahm, sagte Tom: »Warte einen Augenblick, David, – sieh noch nicht hin! Hier, Graf Luigi, ist Papier und Bleistift. Schreiben Sie die Prophezeiung auf, von der Sie sagten, es sei die allerwichtigste gewesen und sie habe sich noch im nämlichen Jahr erfüllt. Dann geben Sie mir den Zettel, damit ich sehen kann, ob David das Erlebnis in Ihrer Hand entdeckt.«
Luigi schrieb eine Zeile, faltete das Papier zusammen und reichte es Tom mit den Worten: »Wenn er es findet, werde ich Sie auffordern, das Geschriebene vorzulesen.«
Nun begann Wilson seine Untersuchung von Luigis Handfläche. Er folgte den Lebenslinien, den Herz- und Kopflinien und beobachtete auch alle die feineren und zarteren Merkmale und Verzweigungen genau, die sich spinnwebartig nach allen Seiten ausbreiteten. Dann befühlte er den fleischigen Ballen am Daumen, merkte auf dessen Form, strich von der Wurzel des kleinen Fingers bis zum Handgelenk hinunter, untersuchte jeden Finger besonders nach Größe, Gestalt und Verhältnis zu den anderen, auch ihre natürliche Lage im Zustand der Ruhe. Die Anwesenden schauten seinem Verfahren mit der größten Spannung zu, sie steckten die Köpfe zusammen, beugten sich über Luigis Hand, und keiner unterbrach die Stille mit einem Laut. Schließlich wiederholte Wilson die Untersuchung noch einmal von Anfang an und verkündete zugleich das Ergebnis.
Er entwarf eine genaue Schilderung von Luigis Charakter und Gemütsart, beschrieb seine Geschmacksrichtung, seine Zu- und Abneigungen, seine natürlichen Anlagen und Absonderlichkeiten, so daß Luigi oft die Lippen zusammenkniff und die andern lachten. Beide Zwillinge erklärten jedoch, daß jeder Zug richtig sei und alle Angaben zuträfen.
Hierauf ging Wilson zu Luigis Lebensgeschichte über. Er verfuhr dabei nur zögernd und mit großer Vorsicht; langsam strich er mit den Fingern über die Hauptlinien der inneren Hand und hielt zuweilen bei einem Kreuzpunkt oder einem besonderen Kennzeichen still, um die ganze Stelle sorgfältig zu durchforschen. Einige Thatsachen aus Luigis Vergangenheit, die er aufzählte, erwiesen sich als richtig, und die Untersuchung ward fortgesetzt. Auf einmal sah Wilson überrascht in die Höhe.
»Hier stoße ich auf ein Ereignis, von dem Sie vielleicht nicht wünschen würden – –«
»Sprechen Sie es nur aus,« sagte Luigi gutmütig, »es wird mich nicht in Verlegenheit bringen, verlassen Sie sich darauf.«