Dreimal hoch!!!

Tom Driscoll trank auch; es war sein zweites Glas, denn er hatte Angelos Glas geleert, sobald dieser es hinstellte. Der doppelte Trunk machte ihn sehr lustig, sogar unbändig ausgelassen; er begann sich aufs lebhafteste an allem zu beteiligen, was geschah und sich besonders beim Pfeifen und Johlen, sowie durch allerlei schnöde Bemerkungen hervorzuthun.

Der Präsident, der eben eine Ansprache beginnen wollte, stand noch vorn an der Rampe, ihm zur Seite die Zwillinge. Die wunderbare Aehnlichkeit der beiden Brüder brachte Tom Driscoll darauf, einen Witz zu machen; er trat vor und wandte sich mit trunkener Dreistigkeit an die Versammlung:

»Jungens,« rief er, »ich stelle den Antrag: der da soll schweigen und das lebendige Vielliebchen neben ihm eine Rede vom Stapel lassen.«

Der komische Vergleich der Zwillinge mit einem Vielliebchen gefiel den Anwesenden, die in ein donnerndes Gelächter ausbrachen. Luigis feuriges Gemüt ertrug jedoch die Beleidigung, die ihm in Gegenwart von vierhundert Fremden angethan wurde, nicht mit Gelassenheit. Seine ganze Natur empörte sich dagegen, die Sache ruhig hinzunehmen, ohne auf der Stelle Wiedervergeltung zu üben. Kochend vor Wut trat er mit ein paar Schritten hinter den ahnungslosen Witzbold, holte aus und versetzte ihm mit wahrer Riesenkraft einen so gewaltigen Fußtritt, daß Tom geradeswegs über die Rampe hinweggeschleudert wurde und den ›Söhnen der Freiheit‹ in der vorderen Reihe auf die Köpfe fiel.

Selbst in völlig nüchternem Zustand ist es keinem Menschen angenehm, wenn er ganz harmlos dasteht und plötzlich so ein lebendiges Wurfgeschoß auf ihn losgelassen wird. Wer aber einen Rausch hat, kann dergleichen gar nicht vertragen. Die ›Söhne der Freiheit‹, auf deren Köpfen Tom landete, hatten alle schon etwas über den Durst getrunken, es gab überhaupt in der ganzen Versammlung kaum jemand, der nicht zu tief ins Glas geschaut hatte. So wurde denn Tom mit Entrüstung sofort auf die Köpfe der nächsten Reihe weiterbefördert, die ihn wieder auf die Hintermänner ablud und zugleich mit den vorderen ›Söhnen der Freiheit‹, von denen er auf sie geworfen worden war, eine wütende Schlägerei begann. Das ging so weiter, von einer Bank zur andern, bis Tom, auf seinem stürmischen Fluge durch die Luft, die Thür erreichte. Hinter ihm tobten, rauften, fluchten und wetterten alle in wildem Durcheinander. Eine Reihe brennender Fackeln nach der andern wurde bei dem Handgemenge auf den Boden geworfen, und bald erscholl noch lauter als der betäubende Lärm der Präsidentenglocke, als das Gebrüll der zornigen Stimmen und das Krachen der zertrümmerten Bänke, der entsetzliche Schreckensruf: »Feuer!«

Sogleich hörte der Kampf auf, das Fluchen verstummte; einen Augenblick herrschte lautlose Stille, nichts regte sich, wo eben noch der Sturm gerast hatte. Im nächsten Moment aber kam mit einem Schlage wieder Leben und Thatkraft in die Menge. Es entstand ein Wogen, Drängen und Schwanken hierhin und dorthin. Wer konnte, suchte einen Ausweg durch Thür oder Fenster, das Gewühl wurde bald weniger dicht und die Massen lichteten sich.

So schnell war die Feuerwehr wohl noch nie zur Hand gewesen; sie brauchte freilich nicht weit zu gehen, denn ihr Standquartier war in einem Anbau des Markthauses. Von ihren zwei Abteilungen hatte eine die Spritze, die andere Haken und Feuerleitern zu verwalten. Eine Hälfte jeder Abteilung gehörte zur Rum-Partei, die andere Hälfte zur Anti-Rum-Partei, das hielt man damals für recht und billig. Die Anti-Rum-Leute, die gerade im Quartier herumlungerten, waren zahlreich genug, um die Leitern und Spritzen zu bedienen. In zwei Minuten hatten sie ihre Helme und roten Hemden angelegt, denn ohne die Berufsuniform rückten sie niemals aus.

Als nun die Massenversammlung im oberen Stock über Hals und Kopf durch die lange Reihe der Fenster sprang und sich auf das Dach der Arkaden flüchtete, empfingen die Retter sie mit einem mächtigen Wasserstrahl, der einige vom Dach herunterspülte und die übrigen fast ersäufte. Aber immerhin war das Wasser dem Feuer vorzuziehen, deshalb sprangen fortwährend neue Scharen durch die Fenster und wurden erbarmungslos so lange durchweicht, bis das Haus sich völlig geleert hatte. Dann stiegen die Feuerwehrleute in den Saal hinauf und überfluteten ihn mit einer Wassermasse, die genügt hätte, um ein vierzigmal so großes Feuer zu löschen. Eine so schöne Gelegenheit sich zu zeigen, kommt für die Feuerwehr einer kleinen Stadt selten vor und muß gut ausgenützt werden. Alle anständigen und urteilsfähigen Bürger des Ortes versicherten sich deshalb nicht mehr gegen Feuerschaden, sondern gegen die Feuerwehr.

Dreizehntes Kapitel.