»Das Vermögen ist wieder mein,« sagte er bei sich, »aber ich verrate niemand, daß ich etwas davon weiß. Nun soll es mir nicht noch einmal verloren gehen, dafür will ich schon Sorge tragen. Ich gewöhne mir das Spielen und Trinken ab – ich brauche ja nur an keinen Ort mehr zu gehen, wo man derlei treibt. Das ist das sicherste Mittel, ich hätte es auch schon längst anwenden können, aber ich wollte nicht. Doch jetzt steht die Sache ganz anders. Er hat mir solchen Schrecken eingejagt, daß ich jeder Gefahr ausweichen will. Zwar habe ich mir den ganzen Abend vorgeredet, ich könnte ihn wieder herumbringen, falls ich mir rechte Mühe gebe, doch war das im Grunde genommen höchst zweifelhaft und machte mir schreckliche Sorge. Redet der Alte nicht von selbst über das Testament, so darf ich mir nichts merken lassen. Querkopf Wilson möchte ich es gern sagen, aber am Ende ist es besser, ich schweige auch gegen ihn.«

Wieder schwenkte er seinen Hut in der Luft.

»Nun bin ich ein anderer Mensch,« sagte er, »und diesmal wird die Besserung anhalten.«

Mitten in seinem Jubel fiel ihm plötzlich ein, daß Wilson ihm die Möglichkeit genommen hatte, das indische Messer zu versetzen oder zu verkaufen. Er sah sich außer stande, seine Gläubiger zu befriedigen, und wenn sie ihn verklagten, was dann? – Seine Freude war mit einem Schlage vorbei; jammernd und stöhnend über sein Mißgeschick, schlich er aus dem Wohnzimmer und schleppte sich die Treppe hinauf. In trostloser Stimmung saß er oben in seiner Stube; Luigis Dolchmesser wollte ihm gar nicht aus dem Sinn.

»Als ich noch glaubte, die Steine wären Glas und das Elfenbein Knochen, war mir das Ding gleichgiltig,« dachte er, »denn es konnte mir nicht aus der Not helfen. Aber jetzt ist es mir von höchstem Wert und macht mich zugleich totunglücklich. Es ist wie ein Sack voll Gold, der sich in meinen Händen zu Staub und Asche verwandelt. Wie leicht könnte es mir Hilfe bringen – und doch muß ich zu Grunde gehen. Ich ertrinke, während der Rettungsgürtel dicht neben mir liegt. Andere Leute haben Glück, ich dagegen werde förmlich verfolgt vom Unheil. Wenn ich nur an Querkopf Wilson denke – sogar seine Laufbahn nimmt jetzt einen Aufschwung, ich möchte wohl wissen, womit er das verdient hat! Ihm öffnet sich ein neuer Weg, aber statt froh darüber zu sein, weiß er nichts besseres, als mich in die Enge zu treiben. Die ganze Welt ist so niederträchtig und selbstsüchtig – am liebsten wäre ich tot.« Er hielt die Scheide des Dolches an das Licht, daß die Juwelen funkelten und blitzten, aber der Glanz, an dem er sein Auge erfreuen wollte, war ihm nur ein Stich ins Herz. »Ich darf Roxy nichts von dem Messer sagen,« überlegte er, »sie ist zu tollkühn und wäre im stande, die Steine herauszubrechen, um sie zu verkaufen, – man würde sie einfach festnehmen, den Ursprung der Juwelen entdecken und –« rasch verbarg er den Dolch; ihm schauderte bei dem Gedanken. An allen Gliedern zitternd, blickte er verstohlen um sich, wie ein Missethäter, der glaubt, daß ihm die Verfolger schon auf den Fersen sind.

Sollte er versuchen zu schlafen? – O nein, für ihn gab es keinen Schlummer; sein Unglück war zu quälend, zu unerträglich. Er brauchte jemand, der seine Bekümmernis teilte. Roxy sollte mit ihm trauern – er wollte zu ihr gehen.

In der Ferne ließen sich wiederholt Schüsse hören, aber das machte keinen Eindruck auf Tom, es war nichts Ungewöhnliches. Er ging zur Hinterthür hinaus und an Wilsons Wohnung vorüber. Als er durch den Heckenweg kam, sah er mehrere Personen über den unbebauten Platz auf Wilsons Haus zugehen. Es waren die Duellanten, die vom Kampfe zurückkehrten; Tom glaubte sie zu erkennen, wünschte jedoch eine Begegnung zu vermeiden, deshalb duckte er sich rasch hinter einen Zaun, bis er die Gesellschaft aus dem Gesicht verlor.

Roxy war in der besten Laune.

»Wo kommst du her, Kind?« fragte sie, »warst du nicht mit dabei?«

»Wobei denn?«