Nun griff der Richter unverweilt zur Feder und machte den vermeintlichen Neffen wieder zum Erben seines Vermögens. Er war noch mit dieser Aufgabe beschäftigt, als Tom vom langen, trostlosen Umherirren ermüdet, das Haus betrat. Auf den Fußzehen an der Thür des Wohnzimmers vorbeischleichend, warf er einen flüchtigen Blick hinein und sah zu seinem Schrecken den Onkel am Schreibpult sitzen. Was konnte das bedeuten, zu so ungewöhnlich später Stunde? Tom durchrieselte es kalt. Ging das Schriftstück, das hier verfaßt wurde, vielleicht ihn selber an? – Höchst wahrscheinlich. Vielleicht war ein neues Unheil im Werke. Jedenfalls mußte er das Papier zu sehen bekommen, mochte daraus werden, was wollte. Jetzt hörte er Schritte und verbarg sich schnell, um unbemerkt zu bleiben. Es war Pembroke Howard. Da mußte etwas Besonderes vorgehen.
»Alles in Ordnung,« sagte Howard mit großer Befriedigung. »Er ist mit seinem Bruder und dem Wundarzt auf den Kampfplatz gegangen – auch Wilson ist dabei, als sein Sekundant. Ich habe alles mit ihm verabredet. Fünfzehn Meter Abstand. Jeder soll drei Schüsse abfeuern.«
»Gut. Und der Mond?«
»Beinahe tageshell. Man kann deutlich auf die Entfernung sehen. Die Nacht ist warm und windstill, es rührt sich kein Hauch.«
»Vortrefflich, ganz ausgezeichnet. – Hier, Pembroke, lies das Papier und gieb mir deine Unterschrift als Zeuge.«
Howard las das Testament, schrieb seinen Namen darunter und schüttelte dem Richter kräftig die Hand.
»Recht so, York,« sagte er, »ich wußte es ja, daß du es thun würdest. Du konntest den armen Burschen unmöglich seinem Schicksal überlassen. Ohne Beruf im Leben und ohne Mittel wäre er sicher zu Grunde gegangen. Das hättest du nicht übers Herz gebracht, schon um seines toten Vaters willen.«
»Ich thu’s dem Andenken seines Vaters zuliebe. Du weißt ja, wie Percy und ich an einander hingen. Aber höre – Tom soll nichts davon wissen, außer wenn ich heute nacht falle.«
»Ich verstehe dich und will das Geheimnis bewahren.«
Die beiden Freunde begaben sich auf den Kampfplatz, nachdem der Richter zuvor das Testament fortgelegt hatte. Einen Augenblick später hielt Tom es bereits in Händen. All sein Elend war auf einmal vorbei, er fühlte sich wie neugeboren. Sorgfältig legte er das Papier wieder an den nämlichen Platz zurück, sperrte den Mund auf und schwang den Hut, einmal, zweimal, dreimal um den Kopf herum, was ein dreifaches, donnerndes Hurrah bedeuten sollte, doch kam kein Laut über seine Lippen. Vor freudiger Erregung hielt er lange, stumme Selbstgespräche, die er dann und wann durch ein neues, ebenso unhörbares Hurrahgeschrei unterbrach.