»Mach’ keinen Lärm,« sagte er mit unterdrückter Stimme, »ich bin deine Mutter.«

Wie vom Blitz getroffen sank Tom auf einen Stuhl.

»Es war schändlich von mir und niederträchtig,« stieß er keuchend hervor, »aber ich glaubte, daß es so am besten wäre – gewiß und wahrhaftig.«

Roxana stand eine Weile regungslos da und sah stumm auf ihn herab, während er, sich vor Scham windend, bald unzusammenhängende Selbstanklagen murmelte, bald jammervolle Versuche anstellte, sein Verbrechen zu erklären und zu beschönigen. Dann setzte sie sich und nahm den Hut ab, so daß ihr langes braunes Haar ihr in dichten, wirren Strähnen über die Schultern fiel.

»Dein Verdienst ist’s nicht, wenn mein Haar nicht grau geworden ist,« sagte sie klagend.

»Ich weiß es, o, ich weiß es – ich bin ein Schurke. Aber ich hielt es für das beste, das schwöre ich. Es war ein Irrtum, aber wirklich, ich dachte, ich könnte nichts besseres thun.«

Roxy begann leise vor sich hin zu weinen und zu schluchzen, dazwischen stieß sie auch Worte aus, aber sie klangen wie Jammerlaute, nicht wie ein zorniger Vorwurf.

»’Nen Menschen nach’m Süden verkaufen – flußabwärts – das beste! – Keinem Hund thät’ ich’s an. Ganz gebrochen und abgemergelt bin ich – ich kann nicht mal mehr wütend werden, wie früher, wenn man mich geschimpft hat und mit Füßen getreten. Wie’s kommt, weiß ich nicht – mir fehlt scheint’s die Kraft. Kummer liegt mir jetzt näher als Zorn, ich hab’ zu viel auszustehen gehabt das wird’s wohl sein.«

Ihre Klagen hätten Tom zu Herzen gehen müssen, aber, wenn das der Fall war, so wurde seine Rührung von einem stärkeren Gefühl verschlungen. Die entsetzliche Angst, die auf ihm gelastet hatte, war gewichen, sein gebrochener Mut begann sich neu zu beleben, und seine niedrige Seele atmete auf wie erlöst. Doch schwieg er wohlweislich still und wagte nicht die leiseste Aeußerung zu thun. Eine Weile ward kein Wort gesprochen, man hörte nur, wie draußen der Regen an die Scheiben klatschte, wie der Wind heulte und stöhnte; ab und zu ließ Roxana ein leises Schluchzen hören, das immer seltener wurde und zuletzt ganz verstummte. Dann begann sie wieder zu reden:

»Das Licht ist zu hell. Mach’ es dunkler. Immer noch mehr. Wer verfolgt wird, mag kein Licht leiden. So ist’s genug, ich brauch’ nur zu sehen, wo du bist. Jetzt erzähl’ ich, wie mir’s ergangen ist – ich mach’s so kurz ich kann – und dann werd’ ich dir sagen, was du thun sollst. – Der Mann, der mich gekauft hat, war nicht schlecht für ’nen Pflanzer. Hätt’ er seinen Willen haben können, so wär’ ich ’ne Haussklavin in der Familie gewesen und hätt’s gut gehabt. Aber seine Frau war vom Norden und gar nicht hübsch; sie konnt’ mich von vornherein nicht leiden, und so wurd’ ich ins Sklavenquartier geschickt und mußt’ auf dem Feld arbeiten. Aber dem Weib war auch das nicht genug in ihrer schändlichen Eifersucht; sie steckt sich hinter den Aufseher, und der holt mich ’raus, eh’ noch der Morgen graut, läßt mich den ganzen Tag schaffen, bis es dunkel wird und giebt mir seine Peitsche zu kosten, so oft ich’s nicht den Stärksten gleichthu’. Er kam auch aus dem Norden, aus Neuengland, und was das heißen will, weiß jeder Sklave im Süden. Die verstehen’s, wie man ’nen Neger zu Tode quält und ihm den Rücken blutig schlägt, daß die Striemen fingerdick aufschwellen. Zuerst legte der Massa noch ein gutes Wort ein für mich beim Aufseher, aber da ging mir’s schlecht – das Weib kam dahinter, und nun setzt’ es Hiebe, wo ich ging und stand – ohne Gnad’ und Barmherzigkeit.«