In Toms Innern kochte es vor Wut – gegen das Weib des Pflanzers. »Der Henker hole die verdammte Närrin,« fluchte er heimlich, »hätte sie sich nicht eingemischt, wäre alles gut gegangen.«

Der Ingrimm stand ihm im Gesicht geschrieben, und ein Blitz, der in diesem Augenblick das düstere Zimmer taghell erleuchtete, ließ Roxana in seinen Zügen lesen. Sie freute sich darüber, denn bewies dieser Ausdruck nicht, daß ihr Kind das Leiden der Mutter mit empfand und ihre Peiniger verwünschte? – und daran hatte sie stark gezweifelt. Aber der helle Freudenschein verschwand ebenso schnell, wie er gekommen war und es ward dunkel in ihr. »Er hat mich flußabwärts verkauft,« sagte sie sich, »sein Mitleid verfliegt wie Spreu, es hat keinen Bestand.«

Dann nahm sie ihren Bericht wieder auf:

»Zehn Tage sind’s her, da sagt’ ich zu mir: lange halt’ ich’s nicht mehr aus; die höllische Arbeit, die vielen Schläge werden mich umbringen, eh’ noch ein paar Wochen vorbei sind – so totmatt und elend war mir zu Mut. Wenn das Leben so weiter gehen sollt’, wär’ ich viel lieber gestorben, mir war alles einerlei. Ist man erst so weit, dann gilt’s einem auch gleich, was man thut. Da war ein armes, kleines Negermädchen, zehn Jahr alt, die war gut zu mir und hatte keine Mammy und wir hatten uns beide lieb. Sie kam aufs Feld und wollte mir ’ne gebratene Kartoffel zustecken, aus Mitleid, weil sie wußte, daß ich nicht satt zu essen kriegte. Doch der Aufseher ertappt sie dabei, und schlägt sie mit seinem Stock über’n Rücken, der so dick war wie’n Besenstiel, daß sie zu Boden fällt und sich vor Schmerz krümmt und windet. Ich konnt’s nicht mit ansehen. Die ganze Hölle tobte in mir – ich riß dem Mann den Stock aus der Hand und schlug ihn nieder. Da lag er ächzend und fluchend, er rührte kein Glied mehr. Die Neger waren zum Tod erschrocken und kamen und wollten ihm helfen. Ich sprang auf sein Pferd, und fort ging’s zum Fluß wie der Wind. Was mir geschehen würde, wußt’ ich wohl. Der Mann hätt’ mich zu Tode geschunden, sobald er wieder auf den Beinen war, wenn’s der Massa zugab. Oder, sie hätten mich weiter flußabwärts verkauft – und das kommt auf eins ’raus. Da sprang ich lieber ins Wasser und macht’ meiner Not ein Ende. Es war schon dämmerig geworden und in zwei Minuten kam ich zum Fluß. Da lag ein Kahn am Land, und ich sag’ zu mir: ›Was soll ich mich ertränken, wenn ich nicht muß,‹ und bind’ das Pferd an’n Baumstamm, stoß’ den Kahn ins Wasser, fahr’ immer am steilen Ufer hin und bet’ zu unserm Herrgott, daß die Nacht mich schnell zudeckt. Ich hatt’ ’nen guten Vorsprung, denn das große Haus liegt drei Meilen vom Fluß; bis die Neger auf den Arbeitspferden hinkamen und wieder zurück, war es längst dunkel. Sie ritten gewiß nicht zu schnell, um mir Zeit zu lassen. Bei Nacht konnten sie die Pferdespur nicht finden, erst am Morgen würden sie sehen, welchen Weg ich genommen hatte, und lügen würden die Neger auch, so viel sie nur konnten.

»Also, die Nacht kam, und ich fuhr immer weiter auf dem Fluß; zwei Stunden lang ruderte ich noch, dann hatt’ ich keine Angst mehr, ließ mich forttreiben im Strom und dacht’ mir aus, was ich thun wollte, wenn ich nicht ins Wasser springen müßt’. Ich machte viele Pläne und überlegte alles hin und her, wie ich so still im Kahn saß. Es mocht’ wohl bald nach Mitternacht sein und ich war fünfzehn oder zwanzig Meilen gefahren, da sah ich die Lichter von’m Dampfer, der am Ufer lag, es war aber keine Werft da und keine Stadt. Beim Sternenschein konnt’ ich die Form der Schornsteine erkennen und – o, du meine Güte, auf einmal meint ich doch, ich müßt’ aus der Haut fahren vor Freude. Es war ja der ›Großmogul‹, auf dem ich acht Jahre lang Stubenmädchen gewesen bin und der Handel trieb zwischen Cincinnati und New Orleans. Ich fuhr mit dem Kahn dicht ’ran – aber nirgends rührte sich was. Nur unten im Maschinenraum hört’ ich ein Geklopf und Gehämmer. Da wußt’ ich, ’s war was an der Maschine zerbrochen. Ich geh’ ans Land, laß meinen Kahn treiben und späh’ nach dem Dampfer hin, bis ich ans Laufbrett komm’ und an Bord gehen kann. ’S war ganz unmenschlich heiß. Auf dem Vorderdeck lagen die Leute lang ausgestreckt, der zweite Maat, Jim Bangs, saß auf der Beting, mit dem Kopf in’n Händen und schlief. So hält er immer die Kapitänswache. Und der alte Steuermann Billy Hatch war auf der Kajütentreppe eingenickt. Ich kannte sie alle und Herrje, wie froh war ich! ›Jetzt soll nur der alte Massa kommen und mich fangen,‹ dacht’ ich, ›hier bin ich unter Freunden.‹ Mitten durch geh’ ich an ihnen vorbei, bis ans Geländer der Damenkajüte und setz’ mich grad’ auf denselben Stuhl, wo ich wohl hundertmillionenmal gesessen hab’. ’S war mir, als wär’ ich wieder daheim.

»Keine Stunde währt’s, da bimmelt die Glocke und das Dampfboot wird flott gemacht. Es geht nach St. Louis hinauf, denn das wußt’ ich, daß der ›Großmogul‹ jetzt dort anlegt. Die Sonne war grad’ aufgegangen, da fuhren wir an unserer Pflanzung vorbei, und ich seh’ ’ne Schar Neger und Weiße am Ufer hin- und herlaufen. Die gaben sich große Mühe mich zu finden, aber mir machte das wenig Sorge.

»Um die Zeit kam Sally Jackson – die jetzt nicht mehr zweites Stubenmädchen war, sondern erstes – ans Schiffsgeländer, und freute sich sehr, mich wiederzusehen und die Offiziere auch. Als ich sagte, man hätt’ mich geraubt und flußabwärts verkauft, sammelten sie zwanzig Dollars und schenkten sie mir, und Sally gab mir gute Kleider. Wir landeten hier und ich ging gleich nach deiner alten Wohnung und kam dann in dies Haus; man sagte mir, du wärst fort, könntest aber alle Tage wiederkommen. Da wollt’ ich lieber nicht nach Dawson fahren, ich hätt’ dich sonst verfehlt.

»Als ich nun letzten Montag in der Vierten Straße an ’ner Schenke vorbeikomm’, wo sie die Zettel ankleben, wenn ein Neger entlaufen ist, – da seh’ ich meinen Massa. Ich dacht’, ich sollt’ in die Erde sinken. Er stand mit dem Rücken nach mir und sprach mit ’nem Mann, dem gab er solchen Neger-Zettel. Die entlaufene Negerin, das war ich und er setzte wohl ’ne Belohnung für sie aus – was meinst du – hab’ ich nicht recht?«

Tom war allmählich in immer grauenvollere Angst geraten. »Ich bin verloren,« dachte er, »mag die Sache sich wenden wie sie will. Der Pflanzer sagte mir, der ganze Kauf käme ihm verdächtig vor. Ein Fahrgast vom ›Großmogul‹ hätte ihm geschrieben, Roxy sei auf dem Dampfer hierher gekommen, und alle an Bord wüßten, wie sich die Sache verhielte. Daß sie nicht nach einem Freistaat geflohen sei, sei schlimm für mich, und wenn ich ihm nicht rasch behilflich wäre, sie wiederzufinden, wollte er mich schon in die Klemme bringen. Anfangs glaubte ich die ganze Geschichte nicht. Meiner Mutter konnte ich’s nicht zutrauen, daß sie so gefühllos sein würde, wieder herzukommen, da sie doch wissen mußte, welcher Gefahr sie mich aussetzte. Und nun ist sie doch hier! – Wäre ich nur nicht so dumm gewesen, ihm zu geloben, daß ich ihm helfen würde, sie zu suchen. Ich hab’s ihm ganz ruhig versprochen, weil ich mir einbildete, es könnte nichts schaden. Wenn ich sie ihm nun ausliefere, so wird sie – aber, wie kann ich’s ändern? Thue ich’s nicht, so muß ich das Geld zahlen und wo soll ich’s hernehmen? – Könnte ich ihn nicht zwingen, mir zu schwören, daß er sie von jetzt ab gut behandeln wird – sie sagt ja selbst, er ist kein böser Mensch, und wenn er verspräche, daß sie nie wieder überarbeitet und schlecht genährt werden soll oder –«

Ein greller Blitz beleuchtete Toms bleiches Gesicht; man las die quälenden Gedanken in seinen verzerrten Zügen.