Als Tom sich zitternd und bebend zum Hofthor hinauswagte, kamen eben drei Frauenzimmer vom Hause gegenüber durch die Hintergasse gelaufen; sie stürmten an ihm vorbei ins Thor hinein und fragten atemlos, was denn geschehen sei, ohne jedoch die Antwort abzuwarten. »Die alten Jungfern haben lange gebraucht, um sich anzuziehen,« sagte Tom bei sich. Wenige Minuten später war er im Gespensterhaus. Er machte Licht und legte die Mädchenkleider ab. Seine ganze linke Seite war mit Blut befleckt, und die rechte Hand hatten ihm die blutgetränkten Banknoten rot gefärbt, aber andere verräterische Spuren konnte er nicht entdecken.
Nachdem er seine Hand am Stroh gereinigt hatte, wischte er sich den Ruß aus dem Gesicht, dann verbrannte er sowohl die Männer- wie die Mädchenkleider, verstreute die Asche und zog einen Anzug an, wie er für Landstreicher paßte. Nun blies er das Licht aus, stieg die Leiter hinunter und schlenderte bald darauf am Ufer entlang. Er wünschte es Roxy nachzumachen und fand auch wirklich einen Kahn, mit dem er den Fluß hinunter fuhr. Als der Morgen dämmerte, ließ er den Kahn weitertreiben und setzte seinen Weg zu Lande fort. Im nächsten Dorfe hielt er sich verborgen, bis ein ihm fremder Dampfer vorbeifuhr und schiffte sich im Zwischendeck nach St. Louis ein. Erst als er glücklich an Dawson vorüber war, atmete er freier. »Keinem Geheimpolizisten in der ganzen Welt könnte es jetzt gelingen, meine Fährte zu finden,« sagte er sich. »Ich habe auch nicht die leiseste Spur zurückgelassen, die Sache ist für alle Zeiten in undurchdringliches Dunkel gehüllt; noch nach fünfzig Jahren werden sich die Leute vergebens abmühen, das Rätsel zu lösen.«
Am nächsten Morgen las er in St. Louis das folgende kurze Telegramm aus Dawson in der Zeitung:
»Der Richter Driscoll, ein alter, hochgeachteter Bürger, wurde hier gegen Mitternacht von einem ruchlosen italienischen Edelmann oder Barbiergesellen meuchlings erstochen. Der Anlaß ist in einem Streit zu suchen der kürzlich bei den Wahlen entstanden war. Vermutlich wird der Mörder gelyncht werden.«
»Einer von den Zwillingen!« frohlockte Tom, »welches Glück! Den Gefallen hat mir das Dolchmesser gethan. Man kann doch nie wissen, wann einem das Schicksal günstig ist. Wie habe ich Querkopf Wilson verwünscht, weil er es mir unmöglich machte, das Messer zu verkaufen. Das nehme ich jetzt zurück.«
Tom war mit einemmal reich und sein eigener Herr. Er brachte die Angelegenheit mit dem Pflanzer in Ordnung und ließ den neuen Kaufbrief, der Roxana ihre Freiheit zurückgab, an Wilsons Adresse schicken, dann telegraphierte er seiner Tante Pratt:
»Habe die entsetzliche Nachricht in der Zeitung gelesen; bin ganz außer mir vor Betrübnis. Morgen fahre ich mit dem Paketboot ab. Fasse dich, so gut du kannst, bis ich komme.«
Als Wilson in der verhängnisvollen Nacht das Trauerhaus betrat und sich von Frau Pratt und den zahlreichen Anwesenden hatte berichten lassen was man wußte, nahm er kraft seines Amtes als Bürgermeister die Sache in die Hand und gab Befehl, daß nichts angerührt werden, sondern alles an Ort und Stelle bleiben solle, bis die Totenschau vorüber sei. Er ließ das Zimmer räumen und blieb allein mit den Zwillingen zurück. Bald darauf kam der Polizeidiener und führte die Brüder ins Gefängnis. Wilson ermahnte sie noch, nicht den Mut zu verlieren und versprach ihnen, falls eine Anklage erhoben würde, zu ihrer Verteidigung zu thun, was er irgend könne.
Bei der genauen Besichtigung, welche der Friedensrichter Robinson später mit Hilfe des Konstablers Blake vornahm, fand sich das Dolchmesser nebst der Scheide. Wilson bemerkte zu seiner nicht geringen Genugthuung, daß auf dem Griff des Messers blutige Fingerspuren zu sehen waren. Die Zwillinge hatten nämlich die ersten Ankömmlinge aufgefordert, ihre Hände und Kleider zu besichtigen, und keiner von diesen, auch Wilson selbst nicht, hatte irgend welche Blutflecken an ihnen gefunden. Sollten die Brüder am Ende doch die Wahrheit gesagt haben, als sie beteuerten, sie wären auf den Hilferuf herbeigeeilt und hätten den Richter tot gefunden? – Wieder dachte Wilson an das geheimnisvolle Mädchen. Doch eine solche That war einem Mädchen nicht zuzutrauen. Jedenfalls konnte es aber nicht schaden, wenn Tom Driscolls Zimmer genau durchsucht wurde. Dies geschah auf Wilsons Vorschlag, nachdem die Leichenschau gehalten worden war. Die Thüre wurde mit Gewalt geöffnet, aber man fand dort nichts Verdächtiges.