»O, das ist sehr einfach und leicht erklärlich,« erwiderte Wilson lachend. »Ich bin nicht seine Puppe und sein Schoßkind; in mich ist er nicht vernarrt, wie in Tom. Der Richter und seine verstorbene Frau hatten keine Kinder; sie waren schon über das mittlere Alter hinaus, als ihnen dieser Schatz zufiel. Man muß sich nur vorstellen, daß, wenn das Gefühl der Elternliebe fünfundzwanzig oder dreißig Jahre lang keine Nahrung erhält, es fast verkommt und verschmachtet, so daß es sich an allem genügen läßt, was ihm geboten wird. Solche Leute verlieren den Geschmackssinn – sie können einen Häring nicht mehr von einem Lachs unterscheiden. Wenn einem jungen Ehepaar ein Teufelchen geboren wird, so erkennen sie den kleinen Satanas meist über kurz oder lang. Nehmen aber alte Eheleute einen Teufel an Kindesstatt an, so wird er in ihren Augen zum Engel und behält seinen Himmelsglanz durch dick und dünn. Ein solcher Engel ist Tom für den alten Richter. Weil er vernarrt in den Neffen ist, kann ihn dieser zu vielem – nicht zu allem – überreden, was er andern Leuten nicht glaubt, besonders wenn des Onkels persönliche Neigung oder Abneigung dabei im Spiele ist. Der alte Herr war Ihnen und Ihrem Bruder gewogen, aber Tom warf einen Haß auf Sie. Das genügte vollkommen, um die Vorliebe des Richters in ihr Gegenteil umzuwandeln. Das älteste und stärkste Bollwerk der Freundschaft hält nicht stand, wenn so ein spät erkorener Liebling es untergräbt.«

»Welche Thorheit!« sagte Luigi.

»Allerdings. Aber es liegt derselben ein schöner Zug des menschlichen Herzens zu Grunde. Es ist mir immer höchst rührend vorgekommen, wenn kinderlose alte Eheleute eine Schar kläffender kleiner Köter ins Herz schließen, denen sie dann noch ein paar kreischende und fluchende Papageien zugesellen, wenn sie nicht vorziehen, sich mit hundert schmetternden Singvögeln zu umgeben oder übelriechende Meerschweinchen, Kaninchen und ein Dutzend junger Katzen groß zu ziehen. Das alles ist nichts als der dunkle, unbewußte Drang, sozusagen aus schlechtem Metall und allerlei Abfall einen Ersatz für das goldene Kleinod herzustellen, das die Natur ihnen versagt hat – den Ersatz für ein Kind. – Aber das nur nebenbei – hier handelt es sich um unsern besonderen Fall. Das ungeschriebene Sittengesetz der hiesigen Gegend fordert von Ihnen, daß Sie den Richter Driscoll totschießen, sobald Sie seiner ansichtig werden. Die ganze Bürgerschaft, er selbst an der Spitze, würde es als große Rücksichtslosigkeit ansehen, falls es nicht geschähe. Natürlich wird derselbe Zweck auch erreicht, wenn er Ihnen eine Kugel durch den Kopf jagt. Also, seien Sie auf Ihrer Hut und versehen Sie sich mit Waffen.«

»Das will ich. Er soll seinen Mann an mir finden. Wenn er mich angreift, werde ich mich verteidigen.«

Im Fortgehen sagte Wilson noch: »Der Richter ist von der Wahlschlacht etwas angegriffen; vor einem oder zwei Tagen wird er kaum das Zimmer verlassen können. Sobald er sich aber wieder stark genug fühlt, dürfen Sie ihn erwarten.«

Die Zwillinge hatten den ganzen Tag über das Haus nicht verlassen, erst gegen elf Uhr nachts gingen sie aus, um beim düstern Schein des Mondes einen langen Spaziergang zu machen.

Etwa eine halbe Stunde früher war Tom Driscoll zwei Meilen unterhalb Dawson bei Hacketts Vorratshaus gelandet; kein anderer Fahrgast stieg an diesem einsamen Orte aus. Er ging am Ufer zu Fuß weiter und betrat das Haus des Richters, ohne daß ihm unterwegs oder auf der Treppe eine Menschenseele begegnet wäre.

In seinem Zimmer schloß er die Läden und machte Licht. Dann legte er Rock und Hut ab und begann allerlei Vorbereitungen zu treffen. Er öffnete seinen Koffer, nahm die Mädchenkleider heraus, die er dort unter einem Männeranzug verwahrte und legte sie bereit; zuletzt schwärzte er sich das Gesicht mit einem gebrannten Kork und steckte den Kork in die Tasche. Seine Absicht war, sich durch das untere Wohnzimmer in seines Onkels Schlafstube zu schleichen, den Schlüssel zum Geldschrank aus der Rocktasche des alten Herrn zu nehmen und den Diebstahl auszuführen. Er war voller Mut und Zuversicht, aber als er jetzt das Licht nahm, um hinunterzugehen, ward ihm doch etwas bänglich. Wie, wenn er durch irgend welchen Zufall Lärm machte und vielleicht beim Oeffnen des Geldschranks ertappt wurde? Es wäre doch gut, eine Waffe bei sich zu haben. Er holte das indische Dolchmesser aus dem Versteck hervor und fühlte, daß sich sein sinkender Mut neu belebte. Auf den Zehen schlich er die enge Stiege hinab; beim leisesten Geräusch sträubte sich ihm das Haar und sein Atem stockte. Als er die Stufen zur Hälfte hinabgegangen war, sah er mit Schrecken, daß der unterste Treppenabsatz von einem schwachen Lichtschein erhellt wurde. Was konnte das bedeuten? War etwa sein Onkel noch auf? Das schien höchst unwahrscheinlich. Er hatte vielleicht sein Licht brennen lassen, als er zu Bett ging. Bei jedem Schritt gespannt lauschend, schlich Tom weiter; er fand die Thür offen und sah hinein. Was er erspähte, überraschte ihn höchst angenehm. Sein Onkel lag auf dem Sofa und schlief; auf dem Seitentisch brannte eine düstere Lampe und neben dieser stand des Onkels kleiner Geldkasten; davor aber lag ein Haufen Banknoten und ein Papier, auf dem eine Menge Zahlen mit Bleistift geschrieben waren. Die Thür des eisernen Geldschranks war verschlossen. Offenbar hatte sich der Schläfer bei der Berechnung seines Vermögensstandes übermüdet und ruhte aus.

Tom setzte sein Licht auf die Treppe und schlich tief gebückt nach dem Tisch, wo die Banknoten lagen. Als er am Sofa vorbeikam, regte sich sein Onkel im Schlaf; Tom stand sogleich still und zog behutsam das Dolchmesser aus der Scheide; sein Herz klopfte laut, sein Blick haftete auf den Zügen seines Wohlthäters. Im nächsten Augenblick wagte er wieder einen Schritt vorwärts, er streckte die Hand nach der Beute aus, ergriff sie und ließ dabei die Messerscheide fallen. Da fühlte er sich von einer starken Hand gepackt, und der laute Ruf: »Zu Hilfe, zu Hilfe!« klang ihm ins Ohr. Ohne Zögern stieß er dem alten Mann den Dolch in die Brust und war frei. Ein paar von den Banknoten in seiner linken Hand fielen in das Blut am Boden. Er warf das Messer hin, raffte sie auf und wollte fliehen; in seiner Angst und Verwirrung nahm er das Papiergeld wieder in die Linke und griff nach dem Messer; da fuhr es ihm durch den Kopf, daß er dies gefährliche Beweisstück nicht bei sich tragen dürfe. Rasch warf er es wieder hin, eilte hinaus, schloß die Thür hinter sich und ergriff sein Licht. Während er die Treppe hinaufsprang, wurde die Stille der Nacht durch laute Fußtritte unterbrochen, die sich eilig dem Hause näherten. Im nächsten Augenblick war er in seinem Zimmer, und unten beugten sich die Zwillinge entsetzt über die Leiche des Ermordeten.

Tom fuhr in seinen Rock, knöpfte den Hut darunter, zog die Mädchenkleider an, ließ den Schleier herab, blies das Licht aus, verschloß die Thür, durch welche er soeben gekommen war, steckte den Schlüssel ein und schlich zur andern Thür hinaus in den hintern Hausflur. Die zweite Thür verschloß er gleichfalls und behielt den Schlüssel bei sich. Nun tappte er sich im Dunkeln weiter, die Hintertreppe hinunter. Jetzt wandte sich die Aufmerksamkeit aller natürlich dem vordern Teil des Hauses zu, und so zählte er darauf, daß er niemand begegnen würde. Er hatte sich nicht verrechnet. Während er sich durch den Hinterhof entfernte, stürzte vorn Frau Pratt mit ihren Dienstleuten und ein paar halbangekleideten Nachbarn in das Zimmer, wo sie die Zwillinge bei dem Toten fanden; ihnen folgten neue Ankömmlinge durch die Vorderthür.