»Meiner Ansicht nach deuten verschiedene Einzelheiten darauf hin, daß der Mord aus ganz andern Gründen begangen wurde, als die Klage für gut findet anzunehmen. Ich bin überzeugt, daß es keine That der Rache war, sondern ein Raubmord. Den angeklagten Brüdern war mitgeteilt worden, daß einer von ihnen dem Richter Driscoll bei der nächsten Begegnung zu Leibe gehen müsse, wenn er nicht selbst Gefahr laufen wolle, von ihm getötet zu werden. Nun erklärt man die Anwesenheit meiner Klienten auf dem Schauplatz des Mordes damit, daß der Selbsterhaltungstrieb sie veranlaßt habe, heimlich dorthin zu gehen und den Gegner des Grafen Luigi niederzustoßen, um ihr eigenes Leben zu schützen.
»Warum sind sie dann aber nach vollbrachter That nicht entflohen? Frau Pratt hatte den Hilferuf nicht gehört, sie erwachte erst mehrere Minuten später, es verging also immerhin einige Zeit, bis sie in das Zimmer gestürzt kam. Dort standen die beiden Männer und machten keinen Versuch zu entfliehen. Waren sie schuldig, so hätten sie schon die Flucht ergriffen, ehe noch Frau Pratt die Treppe herunterkam. Was war aus ihrem Selbsterhaltungstrieb geworden, der stark genug sein sollte, um sie zu bewegen, den unbewaffneten alten Mann meuchlings zu töten? Ließ er sie jetzt im Stich, da sie ihn am nötigsten brauchten? Wäre irgend einer von uns etwa an Ort und Stelle geblieben? Wem könnte man wohl eine solche Thorheit zutrauen?
»Als eine sehr wichtige Thatsache gilt ferner, daß die Angeklagten eine hohe Belohnung für die Wiedererlangung des Dolchmessers ausgesetzt haben, mit dem der Mord verübt wurde. Es fand sich aber niemand, um die Belohnung zu fordern, und das sah man als einen Indizienbeweis an, daß der angebliche Diebstahl überhaupt nur Lug und Trug gewesen sei. Dazu kam noch der merkwürdige, prophetische Ausspruch des Verstorbenen in bezug auf das Messer, sowie dessen Wiederauftauchen in dem verhängnisvollen Zimmer, wo man außer dem Eigentümer des Messers und seinem Bruder niemand bei der Leiche des Ermordeten fand. Alle diese Umstände bilden eine in einander greifende Kette von Beweisen, durch welche das Verbrechen unwiderleglich den beiden unglücklichen Fremdlingen zur Last gelegt wird.
»Ich aber bin bereit, den Zeugeneid darauf zu leisten, daß auch für die Ergreifung des Diebes eine hohe Belohnung zugesagt worden ist, aber nicht durch die Zeitung, sondern insgeheim. Diese Thatsache wurde unklugerweise erwähnt oder wenigstens stillschweigend zugegeben, wo Vorsicht unnötig schien und doch vielleicht geboten war. Der Dieb kann selber zugegen gewesen sein.« (Tom Driscoll hatte den Redner angesehen, jetzt senkte er aber den Blick.) »Natürlich mußte er in diesem Fall das Messer behalten, er konnte es weder zum Verkauf anbieten noch zum Pfandleiher tragen.« (Viele Anwesende nickten zustimmend, um zu verstehen zu geben, daß sie dies für einen guten Schachzug hielten.) »Ich werde ferner den Geschworenen zu beweisen suchen, daß wenige Minuten, ehe die Angeklagten Herrn Driscolls Zimmer betraten, schon jemand darin gewesen ist.« (Dies verursachte große Erregung, alle Köpfe im Gerichtssaal fuhren in die Höhe, die Aufmerksamkeit war ungeteilt.) »Im Notfall will ich durch das Zeugnis der drei Fräulein Clarkson erhärten, daß sie einer verschleierten Person begegnet sind – anscheinend einer Frau – die wenige Minuten, nachdem der Hilfeschrei gehört wurde, zum hintern Hofthor hinausging. Es war aber keine Frau, sondern ein Mann in Weiberkleidern.« (Abermaliges Aufsehen. Wilson schaute nach Tom hin, als er diesen Schuß ins Blaue wagte, um sich von der Wirkung zu überzeugen. Er war zufrieden mit dem Erfolg; »es ist richtig,« dachte er, »er fühlt sich getroffen!«)
»Der Mann hatte in dem Hause stehlen wollen – nicht einen Mord begehen. Zwar war der eiserne Schrank nicht aufgebrochen, aber der Geldkasten mit dreitausend Dollars stand auf dem Tisch. Möglich, daß der Dieb sich im Hause verborgen hatte, daß er die Gewohnheit des Richters kannte, am Abend den Inhalt des Kastens zu zählen und seine Rechnungen zu ordnen – falls Herr Driscoll das zu thun pflegte, worüber ich keine Gewißheit habe. – Vielleicht versuchte er sich des Kastens zu bemächtigen, während der Eigentümer schlief, machte aber Lärm, wurde ergriffen und konnte sich nur mit Hilfe des Dolches befreien; die Beute mußte er aber im Stiche lassen und fliehen, weil er Leute kommen hörte.
»Dies ist meine Auffassung der Sache und ich wende mich nun zu den Beweismitteln, durch die ich versuchen werde, Sie von der Richtigkeit meiner Behauptung zu überzeugen.« Wilson nahm einige von den Glasplättchen zur Hand. Als die Zuhörer diese allbekannten Wahrzeichen der früheren kindischen Spielerei und Thorheit des Querkopfs erblickten, wich das gespannte, feierliche Interesse aus ihren Zügen, und ein lautes, herzerfrischendes Gelächter schallte durch den Saal; auch Tom raffte sich auf und nahm teil an dem Spaß, aber Wilson ließ sich anscheinend nicht beirren. Er ordnete seine ›Protokolle‹ vor sich auf dem Tisch und sagte:
»Ich bitte den Gerichtshof, mir noch einige vorläufige Bemerkungen über das Beweismaterial zu erlauben, das ich vorzulegen beabsichtige, und dessen Echtheit ich beschwören will:
»Ein jeder Mensch besitzt von der Wiege bis zum Grabe gewisse körperliche Merkmale, die sich niemals verändern, an denen man ihn jederzeit zu erkennen vermag – und zwar mit untrüglicher Sicherheit, ohne den geringsten Zweifel. Diese Kennzeichen sind ihm als Stempel aufgedrückt, sie bilden sozusagen seine physiologische Marke und eigenhändige Unterschrift, die weder gefälscht noch verstellt werden kann und sich nicht verbergen läßt. Auch der Zahn der Zeit zerstört sie nicht und sie sind keiner Wandlung unterworfen. Ich rede hier nicht etwa von den Zügen des Gesichts, die sich oft im Alter bis zur Unkenntlichkeit verändern, auch nicht vom Haar, das ausfallen kann, nicht von der Gestalt und Größe, denn darin giebt es Doppelgänger, während jene Kennzeichen jedem Menschen eigentümlich sind und sich bei keinem der Millionen, die den Erdball bevölkern, zum zweitenmal vorfinden.« (Jetzt horchten die Anwesenden wieder hoch auf.)
»Die Merkmale, welche ich meine, bestehen in den feinen Linien oder Furchen, welche die Natur auf der inneren Hand des Menschen und den Sohlen seiner Füße zeichnet. Wenn Sie Ihre Fingerspitzen betrachten wollen, so werden Sie, falls Sie scharfe Augen haben, erkennen, daß diese zarten Wellenlinien dicht beisammen liegen und verschiedene, deutlich wahrnehmbare Muster bilden, Bogen, Kreise, Winkel, Krümmungen u. dergl. und daß kein Finger darin dem andern gleicht.« (Jedermann im Saal hielt jetzt die Hand in die Höhe, bog den Kopf zur Seite und betrachtete aufmerksam seine Fingerspitzen; hier und dort hörte man jemand verwundert flüstern: ›Wirklich, er hat recht – das ist mir noch nie aufgefallen.‹) »Die Muster der rechten Hand sind verschieden von denen der linken.« (Es fallen Ausrufe wie: ›Jawohl, das trifft auch zu!‹) »Prüfen Sie jeden Finger einzeln – Ihre Muster unterscheiden sich von denen Ihres Nachbars.« (Im ganzen Saal wurden Vergleiche angestellt, selbst der Richter und die Geschworenen vertieften sich in diese seltsame Beschäftigung.) »Auch bei einem Zwilling unterscheidet sich die Rechte von der Linken. Die Muster sind bei dem einen Zwilling anders als bei seinem Bruder – die Geschworenen werden sich überzeugen, daß diese Regel auch bei den Angeklagten ihre Bestätigung findet.« (Sogleich nahm man die Untersuchung mit den Händen der Zwillinge vor.) »Man sagt oft, es giebt Zwillinge, die sich so aufs Haar gleichen, daß ihre eigenen Eltern sie nicht unterscheiden können, wenn sie überein gekleidet gehen. Aber noch nie ist ein Zwilling auf Erden geboren worden, der nicht von der Geburt bis zum Grabe das sicherste Zeichen seiner Eigenart in dieser wunderbaren und geheimnisvollen Urschrift besessen hätte. Wer das einmal weiß, den kann der andere Zwilling nicht betrügen, wenn er sich für seinen Bruder ausgeben will.«
Wilson hielt jetzt inne und stand schweigend da. Wenn das ein Redner thut, so fesselt er die Aufmerksamkeit unwiderstehlich. Die Stille verkündet, daß etwas Wichtiges bevorsteht. Alle Hände und Fingerspitzen senkten sich, gebückte Gestalten richteten sich in die Höhe, die Köpfe reckten sich, jedes Auge war auf Wilsons Gesicht geheftet. Er wartete noch ein paar Sekunden, um der Wirkung des Zauberbanns sicher zu sein; dann, als er in dem lautlosen Schweigen das Ticken der Uhr an der Wand vernahm, faßte er den indischen Dolch bei der Klinge, hielt ihn empor, daß alle Anwesenden die dunklen Flecken auf dem Elfenbeingriff sehen konnten, und sagte mit ruhiger, leidenschaftsloser Stimme: