»Auf diesem Schaft steht die Urschrift des Mörders mit dem Blut des harmlosen und hilflosen alten Mannes geschrieben, der euch wohlwollte und für den eure Herzen schlugen. Es giebt nur einen Menschen auf Erden, dessen Hand das Ebenbild dieses blutigen Zeichens trägt –« er schwieg und sah nach dem Pendel der Uhr, der sich hin und her bewegte – »und so Gott will, wird er hier im Saal vor Ihnen erscheinen, ehe noch die Mittagsstunde schlägt.«

Betäubt, verwirrt und halb unbewußt erhob sich ein Teil der Menge, als erwarteten sie, den Mörder zur Thür hereintreten zu sehen. Allerlei Ausrufe schwirrten durch die Luft. – ›Ruhe im Gerichtssaal – hinsetzen!‹ ermahnte der Sheriff. Man gehorchte, und die Ordnung ward wieder hergestellt. Wilson blickte verstohlen zu Tom hinüber. »Alle Welt hat Mitleid mit ihm,« dachte er, »man sieht ihm jetzt das Elend und die Drangsal an; die Leute sagen sich, daß es eine schwere Prüfung für einen jungen Menschen ist, seinen Wohlthäter auf so grausame Weise verloren zu haben – darin gebe ich ihnen ganz recht.«

Er fuhr jetzt in seiner Rede fort.

»Ueber zwanzig Jahre lang habe ich mich während meiner erzwungenen Muße damit ergötzt, diese seltsamen, unvertilgbaren Kennzeichen in hiesiger Stadt zu sammeln. Bei mir zu Hause habe ich deren hundert und aber hundert aufbewahrt. Jeder Abdruck ist mit Namen und Datum versehen, die nicht etwa am nächsten Tage oder in der nächsten Stunde beigefügt wurden, sondern unmittelbar nach der Aufnahme. Alles, was ich jetzt sage, nehme ich auf meinen Zeugeneid. Ich besitze die Fingerabdrücke des Richters, seiner Beisitzer und sämtlicher Geschworenen. In diesem ganzen Saal ist kaum ein Mensch, sei er Weißer oder Farbiger, dessen Urschrift ich nicht vorzeigen könnte. Mag sich einer auch noch so sehr verstellen, ich würde doch immer imstande sein, ihn aus allen Mitmenschen herauszufinden und Gewißheit über seine Persönlichkeit zu erlangen. Und wenn er und ich hundert Jahre alt werden sollten, so kann ich das allezeit so gut thun, wie heute.« (Das Interesse der Versammlung wuchs zusehends.)

»Ich habe mehrere dieser Abdrücke so genau studiert, daß sie mir ebenso geläufig sind wie dem Bankkassier die Unterschrift seines ältesten Deponenten. Ich möchte jetzt einige von den Herren – darunter die Angeklagten – ersuchen, während ich ihnen den Rücken zukehre, sich durch das Haar zu fahren und dann ihre Finger einzeln auf eine der Fensterscheiben neben der Geschworenenbank zu drücken. Dies Experiment bitte ich zu wiederholen, aber auf einer anderen Scheibe und in ganz anderer Anordnung, doch so, daß sich die Fingerabdrücke der Angeklagten wieder darunter befinden. Es wäre immerhin möglich, daß man durch einen ganz besonderen Zufall einmal mit bloßem Raten die richtigen Abdrücke herausfindet, deshalb möchte ich eine doppelte Probe bestehen.«

Er drehte sich nach der Wand, und die beiden Fensterscheiben bedeckten sich rasch mit länglichen, von schwachen Linien durchzogenen Flecken, die jedoch nur denjenigen sichtbar waren, welche sie gegen einen dunkeln Hintergrund sahen, zum Beispiel gegen die belaubten Bäume draußen. Nun rief man Wilson, er ging zum Fenster und stellte seine Untersuchung an. Hierauf sagte er:

»Dies ist Graf Luigis rechte Hand, dort unten, drei Abdrücke tiefer, ist seine linke. Hier ist Graf Angelos Rechte, da drüben seine Linke. Jetzt die andere Scheibe: hier und hier sind Graf Luigis Abdrücke, und dies und das sind die seines Bruders.« Er wandte sich um: »War es richtig?«

Ein donnerndes Beifallklatschen gab ihm Antwort.

»Das streift wirklich ans Wunderbare,« sagte der Vorsitzende.

Wilson trat wieder ans Fenster.