Sams Vater, der sich durch unbeugsamen Sinn und streng rechtlichen Wandel rasch das Vertrauen seiner Mitbürger erworben hatte, ward im Jahre 1840 zum Friedensrichter ernannt. Wie einfach der damalige Geschäftsbetrieb war, ließ sich schon an der ganzen Ausstattung des Gerichtszimmers erkennen. Es enthielt außer einer alten Warenkiste, die vom Richter und den Advokaten als gemeinsamer Tisch benutzt wurde, nur noch vier Bretterstühle und eine lange Holzbank für die Geschworenen. Von diesem Lokal aus regierte der Richter Clemens die Gemeinde mit hoheitsvoller Würde und wußte durch Uebung einer für unsere Begriffe etwas summarischen Gerechtigkeit selbst unruhige Geister im Zaum zu halten.
Mark Twains Geburtshaus.
Mark Twains Knabenzeit war reich an losen Streichen und Abenteuern. Er ward früh zur Schule geschickt, erntete aber dort durchaus keine Lorbeeren. Seine Mutter erzählt, Sam sei ein gutherziger, aber wilder und mutwilliger Knabe gewesen, der die Schule versäumte, so oft es irgend anging. Die Unbeständigkeit und Ausgelassenheit seines Wesens machte den Eltern große Sorge; nie, glaubten sie, werde er es in der Welt so weit bringen, wie seine ruhigeren und viel besonneneren Brüder. Oft folgte ihm der Vater von fern auf dem Schulweg, um zu sehen, was er anfange. Aber, sobald Sam dies bemerkte, verbarg er sich hinter einem dicken Baumstamm am Wege und ließ seinen Vater vorbeiziehen. Vater und Lehrer stimmten bald darin überein, daß es unmöglich sei, dem Jungen etwas beizubringen, da er entschlossen schien, nichts zu lernen. Nur die Mutter gab die Hoffnung nicht auf. Sie kannte Sams Vorliebe für alles, was sich auf die Weltgeschichte bezog, und sah, daß er nie müde wurde, Bücher dieser Gattung zu lesen; der Schulzwang aber, samt Lehrsystem und Leitfaden, war ihm unerträglich.
Mark Twain selbst schreibt einmal über diese Zeit: »Wir blieben gern in gemessener Entfernung von einander, mein Vater und ich. Unser Verhältnis bestand, sozusagen, in einer Art bewaffneter Neutralität, die in unregelmäßigen Zwischenräumen gebrochen wurde und immer großes Leid im Gefolge hatte. Wir gingen dabei ganz systematisch zu Werke: der Neutralitätsbruch war stets meines Vaters Sache und das Leid kam auf mein Teil.«
Wir brauchen bei Einzelheiten im Leben des jungen Sam nicht zu verweilen; denn Mark Twain hat uns in seinem ›Tom Sawyer‹ und in dessen Fortsetzung ›Huckleberry Finn‹ den besten Einblick in seine Jugendzeit eröffnet. Hat er auch nur einiges von dem dort Erzählten selber erlebt und erscheint in diesen prächtigen, in ihrer Art unübertrefflichen Erzählungen auch vieles im Lichte der Romantik, so zeigen sie uns doch weit besser als jede andere Beschreibung, unter welchen Eindrücken und Verhältnissen der Knabe aufwuchs und wie er als solcher dachte und fühlte.
Als der Vater starb und eine Witwe mit vier Kindern zurückließ, zählte Sam erst zwölf Jahre. Er sah sich, so gut wie seine Brüder, auf eigene Arbeit angewiesen. Nach mancherlei Versuchen, sich seinen Unterhalt zu erwerben, wurde er endlich Lehrling in der Druckerei des ›Weekly Courier‹, der Lokalzeitung von Hannibal.
In spätern Jahren kam er bei einem Festessen der Buchdrucker in New York auf diese Periode seines Lebens zu sprechen. »Ein Buchdrucker von damals,« sagte er, »war ein ganz anderer Mensch als heutzutage. Das weiß niemand besser als ich, denn ich habe ihn gut gekannt. Am Wintermorgen machte ich ihm das Feuer an; ich holte ihm Wasser vom Dorfbrunnen und fegte das Geschäftslokal; ich hob ihm die heruntergefallenen Lettern vom Boden auf; war er dabei und sah zu, so legte ich die guten in sein Fach und warf die zerbrochenen in die ›Hölle‹; war er aber nicht zugegen, dann schüttete ich rasch alles unter die Schrift auf dem Formtisch, denn so machte es der ›Junge‹ immer hinter dem Rücken des Druckers und der ›Junge‹ – war ich. Am Samstag mußte ich die Druckbogen anfeuchten und sie am Sonntag umwenden, unsere Zeitung war nämlich ein Wochenblatt. Ich zog die Bogen durch die Presse, reinigte die Walzen, desgleichen die Formen, faltete die Zeitungen und trug sie in unbehaglicher Frühe am Donnerstagmorgen aus. Der Zeitungsträger war damals der interessanteste Gegenstand für sämtliche Hunde des Orts. Hätte ich alle Bisse aufbewahren können, die mir die Köter angedeihen ließen – Professor Pasteur würde ein Jahr lang daran zu kurieren haben. Auch die Exemplare, welche mit der Post fortgeschickt wurden, mußte ich einpacken; wir hatten hundert Abonnenten in der Stadt und dreihundertfünfzig auf dem Lande. Die städtischen Abonnenten bezahlten uns in Kolonialwaren und die ländlichen in Kohlköpfen und Klafterholz – wenn sie überhaupt bezahlten. Geschah es, so erwähnten wir es jedesmal mit Preis und Dank in der Zeitung. Wir mußten das thun, denn sonst lasen sie das Blatt nicht mehr.
»Jeder unserer geehrten Leser in der Stadt half uns bei der Herausgabe, das heißt, er erteilte Verhaltungsregeln und schrieb vor, welche Ansicht und Richtung wir vertreten sollten. Im allgemeinen machten wir uns das Leben nicht schwer. Geriet der Satz einmal in Unordnung, so ward das Blatt erst in der folgenden Woche ausgegeben. Auch sonst stellten wir von Zeit zu Zeit die Arbeit ein, z. B. wenn der Fischfang gerade ergiebig war. Es hieß dann, der Redakteur sei krank geworden – ein recht nichtiger Vorwand; als ob ein kranker Redakteur eine solche Zeitung nicht ebenso gut schreiben könnte, als ein gesunder; ja, wäre er tot gewesen, es hätte keinen Unterschied gemacht.