»Ich sehe das Lokal jener vorsündflutlichen Druckerei noch heute vor mir: die Preislisten der Pferdehändler an den Wänden, die Klumpen geschmolzenen Talgs im d-Fach, in das wir nachts immer das Licht stellten, das Handtuch, welches erst für schmutzig galt, wenn es so steif war, daß es von selber stehen konnte, nebst den übrigen Merkmalen und Sinnbildern, durch die sich ein derartiges Geschäft im Thal des Mississippi auszeichnete.«


Drei Jahre arbeitete er getreulich im Bureau des Kouriers. Mit fünfzehn Jahren hatte er ausgelernt und hielt sich nun für einen fertigen Buchdruckergesellen. Als er eines Abends nach Hause kam, bat er seine Mutter um fünf Dollars und erklärte auf die Frage, wozu er sie brauche, er wolle auf die Wanderschaft gehen. Das Geld erhielt er nicht, aber die Absicht führte er doch aus, denn er hatte von seinem Wochenlohn, der fünfzig Cents betrug, einige Ersparnisse gemacht. Eines schönen Tages ging er heimlich auf und davon. Das Ziel seiner Sehnsucht war New York, wo er die Ausstellung besuchen wollte; er schlug sich auch glücklich dahin durch, indem er auf seiner Wanderschaft gelegentlich eine Stelle auf kurze Zeit annahm.

Als er nach New York kam, betrug sein ganzer weltlicher Besitz zwölf Dollars. Eine Zehndollarnote hatte er sorgfältig ins Aermelfutter genäht, zwei Dollars trug er in der Tasche. Zuerst sah er sich gründlich in der Ausstellung um, dann suchte er Beschäftigung und trat in die Greensche Druckerei ein, wo er zwei bis drei Monate arbeitete. Was ihn wieder von dannen trieb, war die zufällige Begegnung mit einem Mann aus Hannibal. Aus Furcht, dieser werde seinen Aufenthaltsort verraten, machte er sich unverzüglich nach Philadelphia auf den Weg. Auch hier fand er Arbeit in verschiedenen Zeitungsbureaus, hatte aber im übrigen manches Mißgeschick. So erzählt er uns unter anderm, er habe sich einmal auf der Straße eines armen Knaben angenommen, dem unrecht geschah und sei dafür von einem Feuerwehrmann so furchtbar durchgeprügelt worden, daß er aussah, wie ›Lissabon nach dem Erdbeben‹. Nach einigen Monaten fand er, daß er nun das Leben in den Oststaaten genugsam kennen gelernt habe. Die Zehndollarnote trug er noch immer im Aermelfutter und so brach er denn wieder nach dem Westen auf.

Zuerst wanderte er nach Cincinnati, wo er jedoch nur kurze Zeit blieb, von da nach Louisville und weiter nach St. Louis. Er war jetzt siebzehn Jahre alt. Gern wäre er in die Heimat zurückgekehrt, aber nur als gemachter Mann. Er faßte jetzt den Entschluß, Lotse auf dem Mississippi zu werden. Welche Schwierigkeiten es für ihn zu überwinden gab, bis dieser Plan verwirklicht wurde, schildert er selbst eingehend in seinem ›Leben auf dem Mississippi‹. Er hat das Andenken an jene Zeit, die ihn rasch zum Manne reifte, stets besonders hoch gehalten und es auch durch die Wahl seines Schriftstellernamens verewigt. Bei der Schiffahrt auf den Flüssen im Westen darf nämlich, der vielen Sandbänke und seichten Stellen wegen, das Senkblei kaum aus der Hand gelegt werden. Der Matrose am Bugspriet, der die Messung anstellt, ruft dem Kapitän an den gefährlichen Plätzen mit lauter Stimme zu, wieviel Fuß tief sein Lot unter die Wasserfläche sinkt, worauf der Kapitän es dem Lotsen wiederholt, damit dieser das Steuer richtig handhaben kann. ›Mark twain!‹ schreit der Matrose, wenn er zwei Fuß Wasser findet. Aus diesem, am Mississippi heimischen Ruf ist jetzt der weltberühmte Name des ersten amerikanischen Humoristen geworden. Daß er eigentlich Samuel Langhorne Clemens heißt, ist darüber fast in Vergessenheit geraten.


Zweites Kapitel.
In Nevada und Kalifornien.

Bei Ausbruch des Bürgerkrieges befand sich Mark Twain als wohlbestallter Lotse auf dem Flußdampfer ›Alonzo Childs‹. Erst als dies Fahrzeug in ein Widderschiff der Südstaaten umgewandelt wurde, gab er seinen Platz am Steuer auf. Infolge des Bürgerkrieges konnte von einem regelmäßigen und einträglichen Stromverkehr nicht länger die Rede sein.

Nach Hannibal zurückgekehrt, trat Clemens, der damals 24 Jahre alt war, als Freiwilliger in die Südarmee unter General Price ein. Seine militärische Laufbahn war jedoch von kurzer Dauer; die kleine unorganisierte Schar, die ihn zum Lieutenant wählte, – fünfzehn Mann, alles in allem – verrichtete keine großen Thaten. Clemens selbst geriet in Gefangenschaft, es gelang ihm jedoch, zu entkommen, und er beschloß nun sein Glück im fernen Westen zu suchen.