Sein älterer Bruder, Orion Clemens, war seit kurzem zum Vizegouverneur von Nevada ernannt worden; und mit diesem begab sich unser jugendlicher Abenteurer nach Carson City. Doch ließ ihn die Sorge, daß er von vorüberziehenden Unionstruppen erkannt und an den Norden ausgeliefert werden könne, auch hier keine Ruhe finden. Bis er die Gefahr für beseitigt hielt, wollte er sich lieber in eine abgelegene Bergwerksgegend zurückziehen und wählte die Niederlassung ›Aurora‹ zum Aufenthalt.
Hier arbeitete er zuerst um Tagelohn in einer Quarzgrube, dann für eigene Rechnung als Goldgräber. Auf kurze Zeit war er einmal Mitbesitzer des berühmten Erzgangs von Combstock und Millionär, ohne es zu wissen. Er erfuhr es erst, nachdem er seinen Anteil verkauft hatte.
Nach Nevada strömten damals die Abenteurer aus aller Herren Ländern. Bankerotte Kaufleute, Studenten, die den Bücherstaub abschüttelten, um Goldstaub zu suchen, entlaufene Mörder und Diebe, unglückliche Spieler, und der Auswurf der großen Städte, alle suchten dort eine Zuflucht. In der ganzen Gegend herrschte ein buntes und oft recht tolles Drängen und Treiben; Stulpenstiefel, Zahnstocher und Revolver bildeten, wie Mark Twain behauptet, die unentbehrlichsten Bestandteile der damaligen Tracht.
Von Aurora aus schrieb der junge Clemens eine Anzahl Briefe an die Herausgeber des ›Enterprise‹ in Virginia City und nahm 1862 eine Redakteurstelle bei diesem Journal an. Viele der humoristischen Skizzen, die seinen späteren Schriftstellerruhm begründeten, erschienen um diese Zeit und zwar zum erstenmal unter dem Namen Mark Twain. Im täglichen Verkehr war sein trockener Witz oft sehr unterhaltend für die Kameraden, doch fürchteten sie ihn auch wegen der losen Streiche und derben Scherze, die er mit ihnen trieb und gegen die sie nie genug auf ihrer Hut sein konnten. Kein Wunder, daß sie manchmal versuchten, ihm mit gleicher Münze heimzuzahlen. Ein Beispiel hiervon erzählt der Drucker Stebbins, der mit Clemens zugleich am ›Enterprise‹ beschäftigt war.
»Er galt,« berichtet Stebbins, »für einen unverbesserlichen Raucher, und seine Pfeife, die er kaum je aus dem Munde nahm, verbreitete einen so schauderhaften Geruch, daß wir Drucker, obgleich sonst nicht allzu heikel in solchen Dingen, sie nur den ›Leichnam‹ nannten. Wir berieten hin und her, wie man den ›Leichnam‹ aus dem Wege schaffen könne, doch trugen wir Bedenken, unsern Zerstörungsplan auszuführen, denn es hieß, die Pfeife sei nicht nur an sich sehr wertvoll, sondern auch ein liebes Andenken. Endlich kamen wir überein, Clemens eine neue Pfeife zu verehren, doch wollten wir uns zugleich für alle Leiden, die wir des ›Leichnams‹ wegen ausgestanden, schadlos halten und dem Herrn Redakteur einen Streich spielen. Wir durchsuchten die ganze Stadt, um die billigste Pfeife aufzutreiben, die jedoch abends bei Licht den Eindruck eines kostbaren Stückes machte, und fanden endlich eine, – für dreißig Cents, wenn ich nicht irre. Zur Nachtzeit, als unser Blatt gedruckt war, kamen wir in feierlichem Zuge in das Bureau gegangen und überreichten Clemens die Pfeife. Es geschah alles mit der größten Förmlichkeit. Einer aus unserer Mitte hielt eine höchst rührende Ansprache; er schilderte den mühevollen Beruf des Journalisten und seine saure Arbeit die lange Nacht hindurch, während alle Welt in friedlichem Schlummer liege; ließ verschiedene poetische Anspielungen auf den Tabak einfließen, durch den die erschlaffte Gehirnthätigkeit neue Spannkraft und die so nötige Erholung finde; kam dann auf die warme Freundschaft zu reden, welche zwischen der Druckerei und der Schreibstube bestehe und sprach die Hoffnung aus, daß nichts je imstande sein möchte, dies feste Band zu lockern. Schließlich händigte er ihm das kostbare Geschenk ein, wischte sich gerührt die Augen und setzte sich.
»Clemens hatte Mühe, seine Fassung zu bewahren, doch ermannte er sich und dankte uns mit großer Herzlichkeit. Die schöne Gabe seiner Mitarbeiter, sagte er, mache ihm innige Freude und werde ihn stets an eine glückliche Zeit erinnern. Zwar sei ihm die alte Pfeife lange eine treue Gefährtin und Trösterin in einsamen Stunden gewesen, aber, dies werte Geschenk aus Freundeshand mache ihm den Abschied von ihr leicht. Zum Schluß warf er, wie um seine Rede zu besiegeln, das alte, übelriechende Ding aus dem Fenster. Wir folgten nun seiner Einladung, mit ihm ins Gasthaus zu kommen, aber bei dem Gedanken, wie greulich wir ihn beschwindelt hatten, fühlten wir Gewissensbisse über jeden Dollar, den er ausgab.
»Gleich am nächsten Abend, als Clemens rauchen wollte, platzte unglücklicherweise sein neuer Pfeifenkopf mitten auseinander. Wir hörten ihn in der Schreibstube vor sich hin brummen und schauten durch ein Loch in der Wand, welches er zu benutzen pflegte, um seine Manuskripte uns zuzuschieben; er klopfte gerade die Asche von seinen Kleidern und vom Schreibpult ab und murmelte dabei einige leise, aber sehr ausdrucksvolle Verwünschungen. Zu uns sagte er kein Wort über den Unfall, doch mochte ihm wohl nachträglich ein Licht aufgegangen sein; wir verhielten uns natürlich mäuschenstill. Als er am folgenden Abend wie gewöhnlich im Bureau erschien, rauchte er zu unserm nicht geringen Schrecken wieder den ›Leichnam‹, als sei nichts vorgefallen. Er hatte ihn nach einigem Suchen im Hof unversehrt wiedergefunden.« –