Nach Europa zurückgekehrt, ließ sich Clemens zuerst in London nieder, wo er ein Haus in Chelsea mietete. Dort schrieb er seine ›Reise um die Welt‹, in welcher er den reichen Stoff, den er gesammelt hatte, litterarisch verwertete. Das Buch (1898 in deutscher Uebersetzung im Verlag des Herausgebers der vorliegenden Sammlung erschienen) bietet neben den bekannten Vorzügen des unvergleichlichen Humoristen eine Fülle von kulturgeschichtlicher Belehrung, so daß uns Mark Twain hier zugleich als ernster, gediegener Schriftsteller entgegentritt; immer wieder aber zuckt sein köstlicher Humor oft blitzartig durch alle Erzählungen und Beschreibungen hindurch, wo es der Leser am wenigsten erwartet.
Nach Vollendung seiner ›Reise um die Welt‹ ruhte er sich im vorigen Sommer einige Monate in der Schweiz aus und siedelte dann im Herbst 1897 mit seiner Familie nach Wien über, wo er noch heute lebt. Der dortige Aufenthalt gilt hauptsächlich der musikalischen Ausbildung seiner Tochter Clara unter der Leitung des berühmten Meisters Leschetitzky. Seine älteste Tochter Susie hatte Mark Twain das Unglück, vor einigen Jahren zu verlieren, nachdem sie eben ihre Ausbildung als Gesangskünstlerin beendet hatte: der herbste Schicksalsschlag, der bis dahin den Vater getroffen. In Wien fand Mark Twain die einem so hervorragenden Gaste gebührende Aufnahme. Bald nach seiner Ankunft veranstaltete der Schriftsteller- und Journalistenverein ›Concordia‹ Mark Twain zu Ehren eine Festkneipe, bei welcher er zur allgemeinen Ueberraschung als Redner in deutscher Sprache auftrat. Er versicherte der Versammlung mit drolligem Ernste, es sei stets der Traum seines Lebens gewesen, ein Reformator der edlen deutschen Sprache zu werden. Daß es hauptsächlich die langen Wörter und Sätze, sowie die trennbaren Zeitwörter waren, gegen die er zu Felde zog, darüber wird niemand in Zweifel sein, der seinen gelungenen Aufsatz über die ›Schrecken der deutschen Sprache‹ (Bd. VI, S. 79) gelesen hat.
Daß Mark Twain unter allen Nationen, mit denen er auf seinen Reisen in näheren Verkehr getreten ist, der deutschen den Vorzug giebt, beweist er schon dadurch, daß er sich oft und mit Vorliebe unter den Deutschen niedergelassen hat. Der ernste Fleiß und die Gründlichkeit ihres Wesens haben für ihn, seinem ganzen Charakter nach, die größte Anziehung.
So kann es denn auch nicht fehlen, daß die Deutschen ihm und seinen Werken überall die freundlichste Aufnahme bereiten und er sich auch bei uns allgemein einer Beliebtheit erfreut, wie sie ein Schriftsteller bei Lebzeiten nur selten genießen darf. Er hat unserm sorgenvollen, ernsten Geschlecht so viele harmlos frohe Stunden bereitet, daß wir ihn getrost einen Wohlthäter der Menschheit nennen dürfen.
Stuttgart, November 1898.
Verlag von Robert Lutz in Stuttgart
Fritz Reuters Meisterwerke
Hochdeutsche Ausgabe
Herausgegeben von Dr. Heinrich Conrad