Die vierte und fünfte Mensur verliefen so blutig, daß der Paukarzt beide nach ein paar Minuten unterbrechen mußte, um einer ernsten Gefährdung von Leben und Gesundheit der Verletzten vorzubeugen. Beim Anblick dieser klaffenden Wunden an Gesichtern und Köpfen überlief mich jedesmal ein Schauder, und ich fühlte, wie mir das Blut aus den Wangen wich; trotzdem mußte ich immer und immer wieder hinschauen. Bei der letzten Mensur sah ich gerade mit an, wie dem einen die Nase aus dem Gesicht gehauen wurde; nun denkt man vielleicht, hätte ich das vorher gewußt, so würde ich nicht hingeblickt haben; aber nein – der wilde, aufregende Reiz des Kampfes wirkt unwiderstehlich. Es kommt öfters vor, daß der Zuschauer ohnmächtig wird, und das ist auch wahrlich gar nicht zu verwundern.

An den beiden letzten Paukenden hatte der Doktor so ungefähr eine Stunde zu flicken – dies sagt genug. Es war jetzt Mittag vorüber, und so benutzte die übrige Gesellschaft diese Pause, um in größter Munterkeit und Gemütlichkeit ihr Mittagsmahl an den Tischen ringsum einzunehmen; dabei hörte und sah man durch die offene Thür, wie der Doktor im Nebenzimmer drauf los schnitt, sägte und meiselte; es ließ sich jedoch offenbar niemand den Appetit dadurch verderben. Ich sah ihm eine Zeitlang dabei zu, hielt es aber nicht lange aus – der fesselnde Reiz des Kampfes fehlte hier zu sehr.

Endlich war der Doktor fertig, und die letzte Mensur des heutigen Tages begann. Augenblicklich ließen alle ihr Essen stehen und drängten sich um den Kampfplatz. Diesmal handelte es sich um eine Kontrahage, die hier ausgefochten werden sollte. Die Gegner gehörten keinem Korps an, hatten jedoch die Erlaubnis erhalten, deren Waffen zu belegen. Offenbar waren dieselben mit der Führung des Schlägers besser vertraut als mit dem Paukkomment; denn kaum hatte man ihnen die Plätze angewiesen, als sie, ohne ein Kommando abzuwarten, wie wütend auf einander loshieben, so daß unter ungeheurer Heiterkeit des ganzen Zuschauerkreises die Sekundanten schleunigst dazwischen fahren mußten. Auch dieser Mensur machte der Paukarzt bald ein Ende – und damit war denn die Tagesordnung erschöpft. Es war jetzt zwei Uhr nachmittags und ich war seit 9½ Uhr morgens da. Der Kampfplatz hatte sich inzwischen völlig rot gefärbt; doch mit etwas Sägmehl war dem bald abgeholfen. Vor meinem Eintreffen hatte bereits eine Mensur stattgefunden, wobei der eine zahlreiche Schmisse erhielt, während der andere ohne eine Schramme davon kam.

Zehnmal hatte ich nun mit angesehen, wie einem der jungen Leute Kopf und Gesicht kreuz und quer mit der scharfen zweischneidigen Klinge zerhauen wurde, und dabei hatte keiner auch nur einmal gezuckt oder den geringsten Laut oder ein sonstiges Zeichen des Schmerzes von sich gegeben. Das hieß doch in der That echte und wahre Tapferkeit beweisen. Von einem Wilden oder einem gewerbsmäßigen Preisfechter hätte man eine solche Schmerzverachtung allenfalls erwarten können, aber bei diesen unter sorgsamer Pflege aufwachsenden Jünglingen dieselbe in diesem Maße zu finden, mußte doch wirklich überraschen; und nicht etwa nur in der Aufregung des Kampfes legten sie diese Tapferkeit an den Tag; nein, auch unter den Händen des Paukarztes in dessen totenstillen, einsamen Zimmer zuckte keiner mit der Wimper, und auf der Mensur hieben diese Bürschchen, nachdem sie einander mit blutenden Schmissen bedeckt hatten, noch gerade so schneidig und mutig drauf los wie zuvor.

Man betrachtet im allgemeinen diese Studentenduelle als reines Possenspiel: wohl wahr; faßt man aber ins Auge, daß es halbwüchsige Knaben sind, die dieselben ausfechten, und zwar mit scharfgeschliffenen Schlägern und mit ungeschütztem Kopf und Gesicht, so meine ich doch, diese Posse habe auch ihre recht ernste Seite. Vielfach lacht man darüber, weil man meint, die Studenten seien dabei so bepanzert, daß sie keine ernstliche Verletzung bekommen können. Aber dem ist nicht so: nur Augen und Ohren sind geschützt, im übrigen ist Kopf und Gesicht völlig frei. Nicht selten muß der Paukarzt sich ins Mittel legen, weil das Leben der Verletzten sonst allen Ernstes in Gefahr käme. Beabsichtigt ist dieser Erfolg nicht, aber unglückliche Zufälle sind nicht ausgeschlossen. So ist es schon manchmal vorgekommen, daß ein Schläger abbrach und das abgebrochene Stück dem Gegner hinters Ohr flog und dort eine Arterie durchschnitt, so daß der Tod augenblicklich eintrat. Sodann waren früher die Achselhöhlen ungeschützt, während zugleich die Schläger, die jetzt vorne stumpf sind, damals spitz zugeschliffen wurden, so daß manchmal auch die Verletzung einer Arterie in der Achselhöhle zum Tode führte. Ferner fiel damals auch wohl gelegentlich einer der Umstehenden zum Opfer, wenn ein Schläger absprang und ihn das wegfliegende Stück unglücklich traf. Zur Zeit beträgt die Zahl der jährlichen Todesfälle infolge der Studentenmensuren zwei bis drei, es lassen sich solche übrigens stets auf verkehrtes Verhalten der Verletzten zurückführen. Nach allem dem ist das Studentenduell doch so blutig und mit so viel Schmerz und Gefahr verbunden, daß dasselbe eine nicht geringe Achtung beanspruchen darf.

Die Gewohnheiten und Vorschriften, die für dasselbe gelten, beruhen sämtlich auf einer edeln, sinnigen, natürlichen Ritterlichkeit, die dieses würdige, kühne Kampfspiel mit einem gewissen altertümlichen Reiz umgiebt und weit mehr an ein Turnier, als an ein Preisfechten gemahnt. Die Vorschriften sind ebenso eigentümlich als strenge. Z. B. darf man auf der Mensur von seinem Platze aus wohl vorgehen, wenn man will, dagegen unter keinen Umständen ›kneifen‹, d. h. zurückweichen, oder sich nur zurückbeugen, widrigenfalls der Betreffende unfehlbar wegen Feigheit aus dem Korps ausgeschlossen wird. Sogar wer auf der Mensur bei einem Schmiß nur einen Augenblick das Gesicht verzieht, wird als ›Hasenfuß‹ von sämtlichen Kommilitonen in Verruf gethan.

Wie überall, so spielt auch im Korpsleben die Gewohnheit neben dem Gesetze eine wichtige Rolle und erweist sich oft noch mächtiger als das letztere. So bestimmt der Präses aus der Zahl der Burschen, die sich noch nicht freiwillig zu einer Mensur gemeldet haben, regelmäßig einige zum Losgehen mit Angehörigen anderer Korps, und obwohl der allgemeinen Versicherung zufolge keine Vorschrift besteht, wonach diese Bestimmung angenommen werden müßte, ist mir doch von einer Ablehnung derselben niemals etwas zu Ohren gekommen. In solchem Falle würde sich der Betreffende einfach nicht länger im Korps halten können.

Ich hatte gedacht, die Verwundeten würden, nachdem sie verbunden seien, sich zurückziehen, und war deshalb höchlich verwundert, zu sehen, wie einer derselben um den andern wieder bei der übrigen Gesellschaft im Pauklokal Platz nahm. Mein Bekannter blieb mit seiner frisch genähten und über und über bepflasterten Unterlippe noch bei den drei übrigen Mensuren zugegen und unterhielt sich in den Pausen mit uns, so schwer ihm dies wurde; auch das Essen verursachte ihm die größte Mühe, trotzdem verzehrte er während der Vorbereitung der letzten Mensur sein Mittagsmahl bis auf den letzten Bissen, während derjenige, der die schwersten Schmisse des ganzen heutigen Tages davongetragen hatte, zur selben Zeit eine Partie Schach spielte, obgleich sein Gesicht und Kopf unter Pflastern und Binden förmlich vergraben war. Offenbar sind die jungen Leute im höchsten Grade stolz auf ihre Schmisse, denn man begegnet ihnen überall in frisch verbundenem Zustand, unbekümmert um die Folgen für ihre Gesundheit. Sollen doch manche unvernünftig genug sein, ihre Schmisse im Gesicht von Zeit zu Zeit wieder aufzureißen und mit Rotwein einzureiben, damit dieselben schlecht heilen und eine möglichst sichtbare Narbe hinterlassen!

Hat ein Korpsmitglied drei Mensuren ordnungsmäßig ausgefochten, so erhält der Betreffende ein Band in den Korpsfarben, das er über der Brust trägt. Von da an braucht er weder auf Bestimmung noch freiwillig mehr loszugehen, sondern nur noch, falls er beleidigt wird. Allein kein einziger macht von diesem Rechte Gebrauch. Man sieht fast nur Korpsburschen, die das Band tragen, und dennoch kommen nach niedrigster Berechnung auf jeden solchen im Durchschnitt sechs Mensuren im Jahre. Dies zeigt am besten, welch geheimnisvollen Reiz dies kühne Kampfspiel auf die akademische Jugend üben muß – Bismarck soll, so berichtet man, seinerzeit während eines einzigen Sommersemesters nicht weniger als zweiunddreißig Mensuren ausgefochten haben! Kein Wunder auch, daß es unter solchen Umständen einzelne zu einer wahren Berühmtheit in der Führung des Schlägers bringen, und solche Leute werden dann oft weithin auf fremde Universitäten eingeladen, um daselbst mit einem ebenbürtigen Gegner in die Schranken zu treten.