Ich fragte einmal einen Künstler in Venedig: »Was bewundert man denn eigentlich an den alten Meistern? Im Dogenpalast habe ich meilenlang Wände voll von schlimmen Verzeichnungen, unrichtigen Proportionen und falscher Perspektive gefunden; Paul Veroneses Hunde sehen gar nicht wie Hunde aus; alle Pferde sind nur Schläuche auf Beinen und ein Mann war da, der sein rechtes Bein auf der linken Seite des Körpers trug. Bei dem großen Bilde, wo der Kaiser vor dem Papste kniet, sieht man drei Männer im Vordergrund, die über dreißig Fuß hoch sind im Verhältnis zu dem kleinen Knaben in der Mitte; legt man denselben Maßstab an, so beträgt die Größe des Papstes sieben Schuh, der Doge aber ist ein zusammengeschrumpfter Zwerg von vier Fuß.«

Der Künstler versetzte: »Jawohl, die alten Meister zeichneten oft schlecht, sie fragten nicht viel nach Wahrheit und Genauigkeit bei untergeordneten Einzelheiten. Aber trotz aller Verzeichnungen, aller falschen Perspektive und Proportionen, und obgleich sie Gegenstände dargestellt haben, welche heutzutage niemanden mehr so fesseln wie vor dreihundert Jahren, liegt doch ein gewisses Etwas in den Bildern, das göttlich ist – ein Etwas, zu dem sich bisher noch keine andere Kunstepoche aufgeschwungen hat – ein Etwas, das uns Künstler zur Verzweiflung treiben müßte, hätten wir nicht von vornherein beschlossen uns nicht darum zu grämen, weil wir doch keine Hoffnung haben, es jemals zu erreichen.«

Das sagte der Mann und er sprach nur aus, was er wirklich glaubte und fühlte.

Mit Vernunftgründen, besonders wenn sie nicht durch technische Kenntnisse unterstützt sind, läßt sich in solchem Fall nichts ausrichten; sie würden nur zu einer Schlußfolgerung führen, die in den Augen der Künstler höchst unlogisch wäre. Nämlich wie folgt: »Verzeichnungen, falsche Perspektive, unrichtige Proportionen, Vernachlässigung der Naturwahrheit im Detail, Farben, die ihre Schönheit nicht dem Künstler, sondern der Zeit verdanken – das sind die Hauptkennzeichen des alten Meisters. Folglich war der alte Meister ein schlechter Maler – er war gar kein alter Meister, sondern ein alter Lehrling.« – Mein Künstler giebt nun zwar die Thatsachen alle zu, aber die Schlußfolgerung läßt er nicht gelten und behauptet, daß trotz der erschrecklichen Liste anerkannter Mängel den alten Meistern doch etwas Göttliches, Unerreichtes innewohnt, das sich durch keine Gründe und Schlüsse fortstreiten läßt.

Ich begreife das wohl. Es giebt z. B. Frauen, in deren Zügen ein unbeschreiblicher Reiz liegt, so daß sie in den Augen ihrer Angehörigen schön erscheinen. Ein Fremder aber, der mit kühlem Verstande nach dieser Schönheit sucht, vermag sie nicht zu entdecken. Er sagt vielleicht: »Das Kinn ist zu kurz, die Nase zu lang, die Stirn zu hoch, das Haar zu rot, die Farbe zu bleich, die Zusammenstellung des Ganzen nicht regelrecht – folglich ist die Frau keine Schönheit.« Darauf erwidert man ihm: »Deine Bemerkungen sind richtig, gegen deine Logik ist nichts einzuwenden und dennoch gelangst du zu einem falschen Schluß. Sie ist schön, aber nur für Leute, die die alten Meister kennen. Beweisgründe für ihre Schönheit giebt es nicht, aber sie ist trotzdem vorhanden.«

Ich habe mir diesmal die alten Meister mit größerem Vergnügen angesehen, als bei meinem früheren Besuch in Europa; aber es ist ein ruhiger Genuß, er regt mich nicht auf. Als ich zum erstenmal nach Venedig kam, fand ich kein Bild, das mich besonders interessiert hätte, aber jetzt zogen mich zwei so sehr an, daß ich tagtäglich in den Dogenpalast ging, um sie stundenlang zu betrachten. Das eine ist Tintorettos Gemälde im Saal des Großen Rats, das drei Morgen im Umfang hat. Als ich es vor zwölf Jahren sah, sagte mir der Führer, es stelle einen Aufstand im Himmel dar – aber das beruht auf einem Irrtum.

Das Bild ist voll Leben und Bewegung. Es umfaßt zehntausend Figuren, von denen keine unthätig ist. Das verleiht dem Ganzen eine großartige Wirkung. Einige Gestalten schweben mit gefalteten Händen kopfüber in der Luft, andere schwimmen durch das Wolkenmeer, teils auf dem Rücken, teils auf dem Gesicht. Lange Züge von Märtyrern und Engeln streben eilig aus den verschiedensten Richtungen dem Mittelpunkt zu. Von allen Seiten kommen Gestalten herbeigeströmt in dicht gedrängten Scharen, überall herrscht Freude und Jubel.

Wie gewaltig die Bewegung ist, läßt sich schwer beschreiben. Viele singen, andere rufen Hosianna oder blasen auf ihren Posaunen. Man bekommt den Eindruck von einem so mächtigen Getöse, daß die Zuschauer, die sich in das Bild vertiefen, unwillkürlich einander ihre Bemerkungen in die Ohren schreien oder ihre Hände als Trompete benutzen, um sich besser verständigen zu können.

»O, wer erst dort wäre in der ewigen Ruhe!« hört man häufig einen Reisenden seiner Frau in die Ohren brüllen, während ihm heiße Thränen über die Wangen laufen.

Nur der Pinsel eines Künstlers erster Größe kann solche Wirkung erzielen.