Vor zwölf Jahren verstand ich dies Bild nicht zu würdigen, noch vor einem Jahr wäre es mir unmöglich gewesen; aber meine Kunststudien in Heidelberg haben gute Früchte getragen – ihnen verdanke ich alles, was ich jetzt bin.


Das andere große Gemälde schmückt eine Wand im Zimmer des Rats der Zehn; es ist Bassanos unsterblicher, ungegerbter Lederkoffer. Das Bild ist ebenso groß wie die zwei andern im gleichen Raum, es mißt vierzig Fuß und seine Komposition ist über alles Lob erhaben. Der ›Lederkoffer‹ fesselt die Aufmerksamkeit des Beschauers nicht gleich in aufdringlicher Weise, wie das so oft bei dem Hauptmoment eines unsterblichen Werkes der Fall ist. Nein, er wird sorgfältig im Hintergrund gehalten, nebensächlich behandelt und zurückgestellt, und zwar mit so viel Umsicht und Geschicklichkeit, daß, wenn der Zuschauer ihn schließlich zu Gesicht bekommt, er ihm mit verblüffender Plötzlichkeit völlig überraschend und unvorbereitet entgegentritt.

Man kann nur staunen über die sorgfältige und sinnreiche Ausführung des großartigen Plans, über die Mühe und Gedanken, die sie gekostet haben muß. Beim ersten Blick auf das Bild würde kein Mensch ahnen, daß überhaupt ein Koffer da ist. Auch der Titel des Gemäldes: ›Alexander III. und der Doge Ziani, der Besieger Kaiser Friedrich Barbarossas‹, enthält keine Erwähnung des Lederkoffers; er dient vielmehr dazu, die Aufmerksamkeit von demselben abzulenken. Scheinbar wird also das Vorhandensein des Koffers völlig totgeschwiegen, und doch ist alles nur darauf berechnet, Schritt für Schritt zu ihm hinzuleiten. Wir wollen dies jetzt näher untersuchen und die anscheinende Unvorsichtigkeit des Planes ins Auge fassen:

Zu äußerst, am linken Ende des Bildes, stehen zwei Frauen, von denen die eine ein Kind im Arm hält, das über ihre Schulter nach einem Manne schaut, der mit verbundenem Kopf am Boden sitzt. Allem Anschein nach sind diese Leute ganz unnütz, aber sie haben doch einen Zweck. Man kann sie nicht ansehen, ohne zugleich den prachtvollen Festzug zu bemerken, der sich hinter ihnen entfaltet. Wenn man aber alle die reich gekleideten Bischöfe, Großwürdenträger, Hellebardiere und Bannerträger vorbeiziehen sieht, wird man natürlich neugierig zu erfahren, wohin der Weg sie führt und folgt ihnen. So gelangt man in die Mitte des Bildes, zum Papst, der mit dem barhäuptigen Dogen spricht. Er unterhält sich ruhig mit ihm, obgleich kaum zwölf Fuß von ihnen entfernt ein Mann seine Trommel rührt, zwei Leute auf dem Horn blasen und viele Reiter mit großem Lärm auf ihren Pferden dahergesprengt kommen. Denn, während zweiundzwanzig Fuß des großen Werkes voll erhabener Sonntagsruhe und glücklicher Festtagsstimmung sind, schließen sich daran unmittelbar elf Fuß voll Wirrwarr, Spektakel und Aufruhr an. Dies ist aber durchaus kein zufälliges Zusammentreffen, sondern ganz mit Absicht so eingerichtet. Man könnte sonst in Versuchung geraten, bei dem Papst und dem Dogen zu verweilen, sie für die Hauptpersonen zu halten und ihre Zusammenkunft für den wichtigsten Vorgang auf dem Bilde. Statt dessen wird man fast unmerklich von ihnen abgezogen, weil man wissen möchte, was der große Aufstand eigentlich zu bedeuten hat. Man verfolgt diesen bis ans Ende – und da – vier Fuß vom Rande des Gemäldes und volle sechsunddreißig Fuß vom Anfang desselben – durchzuckt den Beschauer, plötzlich wie ein elektrischer Schlag, der ungeahnte Anblick des Lederkoffers. Er steht vor ihm in seiner unvergleichlichen Schönheit, des großen Künstlers Zweck ist erreicht, sein Triumph vollkommen. Von diesem Augenblick an hat auf der vierzig Fuß großen Leinwand alles andere seinen Reiz verloren; man sieht weit und breit nichts als den Lederkoffer – und ihn sehen und verehren ist eins.

Selbst in der nächsten Nähe seines Meisterstücks hat Bassano Figuren angebracht, die den Blick noch eine Weile länger von jenem ablenken und so die Ueberraschung verzögern, um sie zu erhöhen. Rechts davon, zum Beispiel, steht ein gebückter Mann, dessen leuchtend rote Kappe das Auge sicherlich einen Moment lang fesselt; sechs Fuß zur Linken aber hält ein Reiter auf einem dickbäuchigen Pferde, und man blickt unwillkürlich nach seinem scharlachenen Rock hinüber. Zwischen dem Koffer aber und dem roten Reiter tritt ein halbnackter Mensch mit einem unnatürlichen Mehlsack daher, den er mitten auf dem Rücken trägt statt auf der Schulter; dies erstaunliche Kunstwerk erregt natürlich das Interesse und hält uns wieder eine Zeitlang hin – doch endlich, trotz aller Verzögerung und alles Aufenthalts, muß das Auge des Beschauers, selbst des schläfrigsten und unachtsamsten, auf das unvergleichliche Meisterstück fallen. Er erblickt es und sinkt auf seinen Stuhl nieder oder stützt sich schwankend auf den Arm des Führers.

Wie unvollkommen auch die Beschreibung eines solchen Kunstwerks notwendigerweise sein muß, so hat sie doch ihren Wert. – Der Deckel des Koffers ist gewölbt und zwar bildet die Wölbung einen vollkommenen Halbkreis im römischen Stil, denn bei dem raschen Verfall der griechischen Kunst machte sich damals schon Roms steigender Einfluß in der Kunst der Venezianischen Republik geltend. Ueberall, wo der Deckel aufliegt, ist er mit Leder eingefaßt oder beschlagen. Manche Kritiker behaupten zwar, daß dies Leder einen zu kalten Ton hat, aber ich halte das gerade für einen Vorzug, weil dadurch der Gegensatz zu der leidenschaftlichen Innigkeit der Haspe noch deutlicher hervorgehoben wird. Die grellen Lichter sind hier sehr geschickt verteilt, das ›Motiv‹ paßt sich der Grundfarbe auf das wunderbarste an und die ›Technik‹ ist vollendet. Die messingnen Nagelköpfe sind im reinsten Stil der Frührenaissance gehalten, jeder Nagelkopf ist ein Porträt und mit kühnem, sicherm Strich ausgeführt. Der Griff des Koffers ist offenbar übermalt worden – wahrscheinlich mit einem Stück Kreide – aber, wenn man ihn so sicher und natürlich an der Seite hängen sieht, erkennt man doch den alten Meister. Das Fell des Koffers ist – sozusagen – wirkliches Fell mit weißen und braunen Flecken. Alle Einzelheiten sind aufs sorgfältigste behandelt, besonders ist die ruhige, unbewegliche Lage, die sich für ein behaartes Fell so vorzüglich eignet, aufs trefflichste wiedergegeben. Gerade hierin liegt, meinem Gefühl nach, der höchste Vorzug des Werks, der es zu einer Kunstschöpfung ersten Ranges erhebt; die gemeine Wirklichkeit verschwindet und wir fühlen, daß der Stoff beseelt ist.

Man betrachte den Koffer wie man will, immer wird er ein Kleinod, ein Wunderwerk bleiben. Den Eindruck, welchen er macht, vermag weder das Rokoko in seinem höchsten Fluge noch die byzantinische Schule zu erreichen. Aber auch bei den gewagtesten Effekten hat die Hand des Meisters nicht geschwankt, in stiller Majestät hat sie ihr Werk vollendet und mit ungeahnter Kunst, nach geheimnisvollen Methoden, die ihr allein zu Gebote stehen, noch über das Ganze einen zarten Schmelz gebreitet, der den irdischen Stoff verfeinert, durchgeistigt, und ihm einen hohen poetischen Reiz und bezaubernde Anmut verleiht.