»Sie ist fort, und ihr Gepäck mit ihr, um eine auswärtige Freundin zu besuchen, wie sie den Dienstboten sagte. Auf dem Tisch in ihrem Zimmer aber fand ich eine Notiz mit den Worten: ›Ich bin gegangen; forscht mir nicht nach; mein Herz ist gebrochen; ihr werdet mich nimmer wiedersehen. Sagt ihm, ich werde immer an ihn denken, wenn ich mein armes ›Sweet By-and-By‹ singe, nie aber an die unfreundlichen Worte, die er darüber gesprochen.‹ So lautet ihre Mitteilung. Alonzo, Alonzo, was hat das zu bedeuten? Was ist geschehen?«
Alonzo aber saß blaß und starr da wie eine Leiche. Seine Mutter zog die sammetnen Vorhänge zurück und öffnete ein Fenster. Die kalte Luft erfrischte den Leidenden, und er erzählte seiner Tante seine trübselige Geschichte. Mittlerweile besichtigte seine Mutter eine Visitenkarte, die auf dem Fußboden zum Vorschein gekommen war, als sie die Vorhänge zurückzog. Auf der Karte stand: Sidney Algernon Burley, San Francisco.
»Der Schurke!« rief Alonzo und stürzte hinaus, um den falschen Hochwürdigen zu suchen und zu vernichten. Die Karte erklärte alles, denn die Liebenden hatten im Verlaufe ihrer gegenseitigen Bekenntnisse einander alles erzählt von den Liebsten, die sie je gehabt, und all ihre Mängel und Schwächen unbarmherzig verdammt – das ist bei Liebenden so Brauch: es hat einen eigenen Reiz für sie, und er kommt gleich nach dem des Girrens und Schnäbelns.
IV.
Während der nächsten zwei Monate ereignete sich viel. Es war bald kund geworden, daß Rosannah (die arme duldende Waise!) weder zu ihrer Großmutter zu Portland in Oregon zurückgekehrt war, noch ihr irgendwelche Nachricht gesandt hatte, außer einer Abschrift der leidvollen Notiz, die sie in dem Hause auf Telegraph Hill zurückgelassen hatte. Wer ihr auch ein Obdach gewährte, – wenn sie noch lebte, – war ohne Zweifel von ihr beredet worden, ihren Aufenthalt nicht zu verraten, denn alle Versuche, sie aufzufinden, waren mißlungen.
Gab Alonzo sie auf? Keineswegs. Er sagte bei sich: »Sie wird jenes holde Lied singen, wenn sie schwermütig ist; ich werde sie finden.« Und so nahm er seinen Reisesack und ein tragbares Telephon und schüttelte den Schnee seiner Vaterstadt von seinen Füßen und ging hinaus in die Welt. Er wanderte weit und breit hin und her und durch viele Staaten; wieder und wieder blickten Fremde erstaunt auf einen abgezehrten, blassen, melancholischen Mann, der mühevoll an winterlichen und einsamen Orten eine Telegraphenstange erklomm, dort traurig eine Stunde saß mit dem Ohr an einem kleinen Kästchen, dann seufzend herabkam und müde weiterwanderte. Manchmal wurde auf ihn geschossen, weil man ihn für verrückt und gefährlich hielt. Seine Kleider wurden von Kugeln zerfetzt und er selber am Ende schwer verletzt; aber er ertrug alles geduldig.
So verflossen langsam sieben Wochen, und endlich ergriffen ihn einige Menschenfreunde und brachten ihn in eine Privatirrenanstalt zu New York. Er wehklagte nicht, denn alle seine Kraft war dahin, und mit ihr aller Mut und alle Hoffnung. Der Oberaufseher trat ihm mitleidig seine eigenen behaglichen Gemächer, Wohn- und Schlafzimmer ab und pflegte ihn mit liebender Hingebung.
Nach Verlauf einer Woche war der Patient imstande, zum erstenmale das Bett zu verlassen. Er lag, auf Kissen gestützt, bequem auf dem Sofa und lauschte den Klagelauten der frostigen Märzwinde und dem dumpfen Ton der Fußtritte auf der Straße drunten, – denn es war etwa sechs Uhr abends, und New York ging von der Arbeit heim. Er hatte ein helles Feuer und zur Erhöhung der Behaglichkeit zwei Studierlampen, und so war es warm und behaglich drinnen, wenn auch draußen frostig und rauh.