Ueber das Briefschreiben.
Ich glaube, es giebt kaum etwas auf der Welt, was uns allen so widerwärtig ist, als die Pflicht einen Brief zu schreiben – besonders einen Privatbrief. Geschäftsbriefe sind übrigens nur wenig angenehmer. Fast alle Freude über einen Brief, den ich erhalte, wird mir durch den Gedanken vergällt, daß er beantwortet werden muß. Ja, ich fürchte mich so sehr vor der Qual, solche Antworten auf der Seele zu haben, daß mich häufig die Lust anwandelt, meine ganze Post ins Feuer zu werfen, statt sie zu öffnen.
Zehn Jahre lang ist mir diese Furcht erspart geblieben, weil ich fortwährend umherzog, von Stadt zu Stadt, von Staat zu Staat und von Land zu Land. Da konnte ich, ganz nach Gefallen, sämtliche Briefe unbeantwortet lassen, die Absender derselben nahmen natürlich an, daß ich meinen Aufenthaltsort gewechselt habe und ihre Zuschriften fehlgegangen seien.
Jetzt kann ich aber leider diese Form der Täuschung nicht mehr anwenden. Ich bin vor Anker gegangen, bin festgefahren – und nun kommen die tödlichen Geschosse, die Briefe aller Art, schnurgerade auf mich losgeflogen.
Es sind Briefe der verschiedensten Gattung und sie behandeln die mannigfaltigsten Gegenstände. Ich lese sie meist beim Frühstück und sehr oft verderben sie mir mein ganzes Tagewerk; sie leiten meinen Gedankengang in neue Kanäle, das Arbeitsprogramm, welches ich mir für meine Schreiberei aufgestellt habe, gerät in Verwirrung, ja es wird wohl auch gänzlich umgestoßen.
Nach dem Frühstück werfe ich mich gewöhnlich ins Geschirr und versuche eine Stunde lang fleißig zu schreiben, aber ich komme nur mühsam vorwärts, da die Briefe immer wieder in meine Gedanken eingreifen. Die Sache hat keinen rechten Fluß, ich gebe sie zuletzt auf und verschiebe alle weiteren Bemühungen auf den nächsten Tag.
Man sollte meinen, ich würde mich nun schleunigst daran machen die Briefe zu beantworten und aus dem Wege zu schaffen. Alle Musterknaben, von denen wir lesen, daß sie barfuß nach New York gewandert kommen und im Laufe der Zeit zu unverschämten Millionären werden, hätten damit sicherlich keinen Augenblick gezögert – aber, ich bin nicht wie sie.