»Jungens, ich weiß, wer dort ertrunken ist – wir sind's!«

Und sie fühlten sich als Helden im nächsten Augenblick. Das war ein glorreicher Triumph! Sie wurden vermißt, betrauert, Herzen brachen ihretwegen, Thränen flossen. Anklagende Erinnerungen an Unfreundlichkeiten gegen diese armen, nun verlorenen Knaben tauchten auf, Bedauern und Reue beschlich die betreffenden Herzen, und was noch das Beste von allem war, die Verschwundenen bildeten das Gespräch der ganzen Stadt. Alle andern Jungen mußten sie glühend beneiden um diese glänzende, öffentliche Berühmtheit. Das war herrlich! Dafür lohnte es sich wahrhaftig, Pirat zu sein!

Die Dämmerung begann, die Dampffähre kehrte zu ihrer gewöhnlichen Beschäftigung zurück, die Boote verschwanden und die Piraten begaben sich nach ihrem Lager. Sie strahlten förmlich vor Wonne und Eitelkeit über ihre neue Größe und die glorreiche Unruhe, die sie verursachten. Sie fingen Fische, bereiteten ihr Abendessen, verzehrten es und vertrieben sich dann die Zeit damit, sich vorzustellen, was man zu Hause wohl über sie sagte und dachte. Sich die Bilder der allgemeinen Kümmernis, die ihretwegen herrschte, auszumalen und von ihrem Standpunkt zu betrachten, gewährte ihnen die höchste Befriedigung. Als aber die Schatten der Nacht sie zu umhüllen begannen, verstummte allmählich das Gespräch. Sie saßen und starrten ins Feuer, während ihre Gedanken offenbar ganz wo anders herumstreiften. Die Erregung war verflogen und Tom und Joe konnten sich der leise mahnenden Ueberzeugung nicht erwehren, daß gewisse Leute zu Hause weit weniger Vergnügen haben würden an dem lustigen Abenteuer, als sie selber. Böse Ahnungen tauchten auf, sie fühlten sich unruhig und unglücklich, ein Seufzer nach dem andern entschlüpfte ihnen, ohne daß sie selber es merkten. Dann streckte Joe schüchtern einen tastenden ›Fühler‹ vor, wie wohl die andern dächten über eine Rückkehr zur Zivilisation, – nicht jetzt natürlich, aber –

Tom schmetterte ihn mit Verachtung nieder! Huck, der bis jetzt noch keine Anwandlung von Schwäche empfand, stimmte Tom bei und der Schwankende suchte sich alsbald heraus zu reden, um sich mit einem möglichst geringen Makel mattherzigen Heimwehs aus der Sache zu ziehen. Die Meuterei war für den Augenblick mit Erfolg unterdrückt.

Als die Nacht vollends hereinbrach, begann Huck einzunicken und schnarchte sofort, dann kam die Reihe an Joe. Regungslos lag Tom, auf seine Ellenbogen gestützt, und beobachtete die zwei aufmerksam. Dann erhob er sich vorsichtig auf die Kniee und kroch im Gras umher, beim schwach flackernden Schein des Feuers nach etwas suchend. Er las ein Stück weißer, cylinderförmiger Sykomorenrinde nach dem andern auf, untersuchte sie und wählte schließlich zwei derselben, die ihm die besten schienen. Dann kniete er am Feuer nieder, kritzelte voll Anstrengung etwas mit seinem Rotstift auf jedes der Stücke, rollte eines zusammen, steckte es in seine Tasche und schob das andre in Joes Hut, den er etwas entfernt von dem Eigentümer hinlegte. Demselben Hut vertraute er dann noch einige Schuljungen-Kostbarkeiten von fast unschätzbarem Werte an, als da sind ein Klumpen Kreide, ein Gummiball, drei Fischhaken und eine kleine Glaskugel, die überall für ›echtes Kristall‹ ging. Dann schlich er sich auf den Zehenspitzen unter den Bäumen hin, bis er außer Hörweite war, worauf er sich geradeswegs nach der Sandbank in Trab setzte.


Vierzehntes Kapitel.

Ein paar Minuten später befand sich Tom im seichten Wasser der Sandbank und watete dem Illinois-Ufer zu. Noch reichte ihm das Wasser kaum bis zur Brust, als er schon die Hälfte des Wegs zurückgelegt hatte. Jetzt aber erlaubte die Strömung kein weiteres Vordringen und kühn begab er sich dran, die übrigen hundert Meter schwimmend zurückzulegen. Er ließ sich von der Strömung treiben, die ihn rascher beförderte, als er selber dachte. Doch gelang es ihm endlich, das Ufer zu erreichen und an einer niederen Stelle desselben zu landen. Er fühlte in seiner Tasche nach dem Rindenstück, fand es sicher an seinem Platz und schritt nun mit triefenden Kleidern waldeinwärts am Ufer entlang. Kurz vor zehn Uhr kam er an einen freien Platz, gerade dem heimatlichen Städtchen gegenüber, und sah die Fähre im Schatten der Bäume am hohen Ufer angekettet. Alles war still unter den funkelnden Sternen. Er kroch am Ufer hinab, mit vorsichtigen Blicken ausspähend, glitt ins Wasser und schwamm mit drei oder vier Stößen nach dem Boot, das an der Seite der Fähre befestigt war. Dort streckte er sich unter die Ruderbank und wartete atemlos. Alsbald ertönte eine heisere Glocke und eine Stimme gab den Befehl zum Abstoßen. Eine bis zwei Minuten später wurde das Boot von der Fähre scharf angezogen und die Fahrt hatte begonnen. Tom beglückwünschte sich selber zu seinem Erfolg, er wußte, es war die letzte Fahrt diesen Abend. Nach Verlauf von endlosen zwölf oder fünfzehn Minuten standen die Räder still, Tom schlüpfte über Bord und schwamm ans Ufer in der Dunkelheit, etwa fünfzig Meter unterhalb des Städtchens landend, aus Furcht, noch späten Herumschwärmern zu begegnen. Er flog durch einsame Gäßchen und befand sich nach kurzem am hintern Zaun von seiner Tante Hof. Der Zaun war schnell überstiegen, er näherte sich dem Hause und blickte durch das Fenster des Wohnzimmers, in dem noch Licht brannte. Dort saßen Tante Polly, Sid, Mary und Joe Harpers Mutter dicht zusammen und redeten. Sie saßen vor dem Bett und das Bett befand sich zwischen ihnen und der Thüre, welche direkt auf den Hof führte. Tom trat auf den Zehen heran und begann leise auf die Klinke zu drücken. Die Thüre gab nach und öffnete sich ein klein wenig mit sanftem Knarren. Vorsichtig erweiterte Tom den Spalt, bis er ihn für groß genug hielt, um sich auf den Knieen durchzuschieben. Dann steckte er den Kopf durch und begann mutig vorwärts zu kriechen.