»Warum das Licht nur so flackert?« sagte Tante Polly. – Tom beeilte sich mit dem Hereinkriechen. »Herrgott, die Thür ist ja offen, so viel ich seh'! Freilich ist sie's. Nehmen die Schrecknisse gar kein Ende! Geh', Sid, mach' die Thür zu!«
Gerade zur rechten Zeit verschwand Tom unter dem Bett. Da lag er mäuschenstill, um nur erst zu Atem zu kommen, dann kroch er weiter vor, bis dahin, wo er fast seiner Tante Füße berühren konnte.
»Ja, wie ich gesagt hab',« fuhr diese fort, »schlecht war er nicht, was man so schlecht heißt, – nur immer voller Tollheiten, voller Unsinn und immer oben hinaus, wißt ihr. Ihm konnte man's aber so wenig übel nehmen wie einem Füllen; er dachte sich weiter nichts dabei, war weiß Gott der gutherzigste Junge der lebte und –« sie begann zu weinen.
»Grad' so war mein Joe, – immer voller Teufeleien und zu jedem tollen Streich aufgelegt, aber so selbstlos und gut dabei, wie nur möglich. Und, der Himmel verzeih' mir's, ich, ich, seine eigene Mutter, geh' hin und hau' ihn durch, weil ich mein', er hat den alten Rahm genommen, denk' nicht dran, daß ich den doch selber fortgeschüttet hab', weil er sauer geworden war. Und jetzt soll ich ihn nie wieder sehen in dieser Welt, den armen, mißhandelten Jungen, nie, niemals wieder!« Und Frau Harper schluchzte, als wolle ihr das Herz brechen.
»Ich hoffe, Tom ist besser dran, wo er ist,« begann Sid, »wenn er aber hier in manchem besser –«
»Sid!« – Tom fühlte ordentlich den strengen Mahnblick, das drohende Funkeln in den Augen der alten Dame, obgleich er's nicht sehen konnte.
»Kein Wort weiter gegen meinen armen Tom, der nun von uns gegangen ist. Der allmächtige Gott wird sich seiner schon annehmen, da brauchst du dich nichts drum zu kümmern. O, Frau Nachbarin, ich weiß nicht, wie ich's überleben soll, weiß nicht, wie ich's überleben soll! Er war mein ganzer Trost, obgleich er mir mein altes Herz fast aus dem Leib heraus quälte!«
»Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt! Aber hart ist's, so arg hart! Erst vorigen Sonntag ließ mir mein Joe einen Schwärmer grad' unter der Nase platzen, worauf ich ihm eins versetzte, daß er umfiel. Da dacht' ich nicht, daß er so bald – ach, Herr du meines Lebens, wenn ich wieder in derselben Lage wäre, ich würde ihn an mein Herz drücken und küssen.«
»Ja, ja, ja, Nachbarin, ich weiß, wie Ihnen zu Mut sein muß, weiß es ganz genau. Gestern nachmittag erst hat mein Tom dem unvernünftigen Vieh, dem Peter, ›Schmerzenstöter‹ eingegossen, den er selber hat nehmen sollen. Na, ich denk' die Katze reißt's Haus ein, so tobt die herum. Und ich, Gott verzeih mir, geb' dem Jungen einen Klapps auf den Kopf mit meinem Fingerhut; armer Junge, armer, armer, toter Junge! Er hat's überstanden jetzt. Und die letzten Worte, die ich von ihm gehört hab', waren, daß er mir vorwarf –«