Beim Abendessen waren sie nicht allzu redselig, hatten eine etwas niedergeschlagene Miene und als Huck zum Nachtisch seine Pfeife hervorzog und sich bereit zeigte, auch die ihren zu stopfen, da dankten sie, sagten, sie fühlten sich nicht ganz wohl, beim Mittagessen müsse ihnen etwas nicht gut bekommen sein.
Sechzehntes Kapitel.
Um Mitternacht ungefähr erwachte Joe und weckte die andern. Es lag eine drückende Schwüle in der Luft, die nichts Gutes zu bedeuten schien. Die Jungen schmiegten sich eng aneinander und suchten die freundliche Nähe des Feuers, obgleich die brütende, lastende Hitze der bewegungslosen Atmosphäre nahezu erstickend war. Stille saßen sie da, atemlos wartend. Außerhalb des Lichtkreises, den das Feuer warf, schien alles wie in schwarzer Nacht begraben. Alsbald erglomm ein zitternder Schein, der für einen Moment das Laub der Bäume sichtbar hervortreten ließ, um ebenso plötzlich zu erlöschen. Dann tauchte ein zweiter, schon stärkerer Strahl auf. Ein dritter folgte. Wie leises Stöhnen zog's nun durch das Geäste der Waldbäume, ein schwacher Lufthauch streifte die Wangen der Knaben und diese erschauerten in dem Gedanken, der Geist der Nacht habe sie mit seinem Fittiche berührt. Wieder folgte eine Pause. Jetzt verwandelte ein unheimlicher Blitz die Nacht zum Tage und ließ jeden kleinen Grashalm zu ihren Füßen deutlich hervortreten. Zugleich enthüllte der Strahl aber auch drei weiße, bange, erschrockene Gesichter. Ein dumpfer Donner stürzte rollend und krachend vom Himmel nieder, um sich in leisem Grollen in der Ferne zu verlieren. Ein kühler Luftstoß folgte, raschelte in den Blättern und jagte die Aschenflocken des Feuers auf. Ein andrer zuckender, flammender Strahl fuhr nieder, unmittelbar gefolgt von einem schmetternden Krach, der die Kronen der Bäume zu Häupten der Knaben zerreißen zu wollen schien. In sprachlosem Schreck umklammerten sich die Kinder in der trostlosen Finsternis, die der Lichtflut folgte. Schwere, große Regentropfen fielen klatschend auf die Blätter.
»Schnell, Jungens, nach dem Zelt,« schrie Tom.
Sie sprangen in der Richtung desselben davon, stolperten über Wurzeln, verfingen sich in den Rebenranken und waren in der Finsternis nicht imstande, zusammen zu bleiben. Ein wütender Sturm raste in den Wipfeln und verschlang jeden andern Laut. Die Blitze jagten einander, Schlag auf Schlag folgte ohrenbetäubender Donner. Stromweise stürzte der Regen nieder, vom Sturm flutartig am Boden hingefegt. Die Jungen schrieen einander zu, aber der heulende Sturm und der dröhnende Donner übertönten die schwachen Kinderstimmen vollständig. Doch gelang es den Knaben allmählich, sich einer nach dem andern zum Zelte durchzuschlagen, wo sie durchnäßt und zu Tode geängstigt Obdach zu finden hofften. Daß ihr Leid ein geteiltes war, machte es leichter zu tragen. Reden konnten sie nicht, das alte Segel klatschte wie rasend im Sturm und erstickte jeden Laut. Stärker und stärker brauste der Orkan, das Segel riß sich los und flog dahin auf Sturmesfittichen. Die Jungen ergriffen sich bei den Händen und flohen, oftmals stolpernd und sich wund fallend, dem Ufer zu, wo eine große, alte Eiche ihnen Schutz bieten konnte. Der Kampf der Elemente hatte jetzt seinen Höhepunkt erreicht. Am Himmel bildeten die unaufhörlich zuckenden Blitze ein einziges großes Lichtmeer, so daß alles ringsum, grell beleuchtet, in klaren, scharfen Umrissen hervortrat, die sturmgebeugten Bäume, der aufgewühlte Strom mit den weißen Schaumköpfen, der treibende Sprühregen. Die verschwommenen Zackenlinien der hohen Klippen am jenseitigen Ufer lugten ab und zu aus dem Wolken-Vorhang, aus dem zerstiebenden und sich wieder verdichtenden Regenschleier. Von Zeit zu Zeit unterlag einer der alten Riesen des Waldes in dem gewaltigen Kampf und stürzte krachend in das Unterholz zu seinen Füßen. Die furchtbaren Donnerschläge folgten jetzt ununterbrochen mit ohrzerreißendem Geknatter. Das Gewitter steigerte sich zu solcher Wucht, daß es schien, als wolle es die Insel in Stücke reißen, sie verzehren in Feuersglut, sie versenken in den Wellen des Stromes bis zu den Kronen der Bäume, sie vom Erdboden weg fegen und jede lebende Kreatur auf derselben vernichten in einem Augenblick. Entsetzlich, trostlos war die Nacht für die jungen Herzen, die sich obdachlos der Wut der Elemente preisgegeben sahen.