Dieser Versuch aber, zu Ruhm zu gelangen, erwies sich als gänzlich erfolglos. Die meisten Jungen konnten sich dessen rühmen, und dadurch sank die Auszeichnung doch allzu sehr im Werte. Die Gruppe trollte von dannen, halblauten Tones immer neue Erinnerungen an die verlorenen Helden austauschend.

Am nächsten Morgen, als die Sonntagsschulstunde vorüber war, begann die Glocke mit hohlem, dumpfem Klang anzuschlagen, anstatt wie sonst feierlich zu läuten. Es war ein ungewöhnlich stiller Sabbat und der klagende Ton stimmte zu der nachdenklichen, feierlichen Ruhe, die über der ganzen Natur lag. Die Einwohner des Städtchens gingen zur Kirche und verweilten einen Augenblick in der Vorhalle, um sich flüsternd über das traurige Ereignis zu unterhalten. In der Kirche selbst aber war's totenstill, nur das Rauschen der Frauengewänder unterbrach das Schweigen. Keiner konnte sich erinnern, die kleine Kirche jemals so voll gesehen zu haben. Eine tiefe, erwartungsvolle Pause entstand und dann trat Tante Polly ein, gefolgt von Sid und Mary und der Familie Harper, alle in tiefstem Schwarz. Die ganze Gemeinde zusamt dem Geistlichen erhob sich achtungsvoll von ihren Plätzen, bis die Trauernden durch ihre Reihen geschritten waren und in der vordersten Bank Platz genommen hatten. Wiederum folgte tiefe Stille, nur hie und da durch ersticktes Schluchzen unterbrochen, dann erhob der Geistliche seine Stimme und betete. Ein ergreifendes Lied wurde gesungen, dann folgte die Predigt.

In seiner Predigt entwarf der Geistliche ein solch glänzendes Bild von den Tugenden, der Liebenswürdigkeit und den vielversprechenden Talenten der Verlorenen, daß jeder der Zuhörer in der ehrlichen Meinung, dies getreue Abbild wieder zu erkennen, einen Stich im Herzen fühlte, bei dem Gedanken, wie beharrlich blind er selber gegen alle diese Vorzüge gewesen und wie er ebenso beharrlich nur Fehler und Mängel in den armen Jungen zu entdecken vermocht. Nun folgte manch rührender, hochherziger Zug aus dem Leben der Dahingeschiedenen, der das Vorhergesagte bekräftigen und beweisen sollte, und jedermann gingen nun erst die Augen und das Verständnis auf dafür, wie groß und erhaben eigentlich jene kleinen Vorkommnisse gewesen waren, die ihnen zur Zeit als die ärgsten Schelmenstreiche und Teufeleien einer tüchtigen Tracht Prügel wert erschienen. Die Versammlung wurde immer bewegter, je weiter der Geistliche in seiner pathetischen Rede vorrückte, bis schließlich die ganze Gesellschaft jegliche Fassung und Haltung verlor und sich in vollem Chor dem Schluchzen und Seufzen der trauernden Hinterbliebenen anschloß. Ja, den Geistlichen selbst übermannten seine Gefühle, er verstummte und weinte auf offener Kanzel.

Ein Rascheln ertönte von der Emporkirche, auf das niemand achtete. Einen Moment später knarrte eine Thüre, der Geistliche erhob seine strömenden Augen über das verhüllende Taschentuch und – stand und starrte wie versteinert! Erst folgte ein Paar Augen der Richtung der seinen, dann ein zweites, und plötzlich erhob sich, wie von einem gemeinsamen Antrieb beseelt, die ganze Gemeinde und starrte auf die drei ›toten‹ Jungen, welche gemächlich den Mittelgang herauf marschierten, Tom voran, Joe hinter ihm, zuletzt Huck, eine wandelnde Ruine in Lumpen. Die drei waren in jener unbenutzten Emporgalerie verborgen gewesen und hatten ihre eigene Grabrede mit angehört!

Tante Polly, Mary und die Harpers stürzten sich auf die wiedergeschenkten Ihrigen und erstickten dieselben fast mit Küssen und Umarmungen. Der arme Huck aber stand daneben, blöde und verschüchtert, wußte nicht, was er thun oder wo er sich bergen sollte vor so viel starrenden Augen, von denen nicht eines ihm einen Willkommgruß bot. Er wandte sich halb und versuchte fortzuschleichen, Tom aber faßte ihn und rief:

»Tante Polly, das ist nicht recht und nicht schön. Es muß sich auch jemand freuen, daß Huck wieder da ist.«

»Das müssen wir, Tom, mein Junge, und wollen's auch, armes, elternloses Kind!« Wenn aber etwas das Gefühl des Mißbehagens bei Huck noch vermehren konnte, so waren es die Zärtlichkeiten, mit denen Tante Polly ihn überhäufte.