Huck war bereits auf seinem allnächtlichen Lauscherposten, als die Lichter der Fähre am Ufer vorüber glitten. Er hörte kein Geräusch an Bord, denn die jungen Leute waren zahm und still geworden, so zahm und still, wie man zu werden pflegt, wenn man sich in Lust und Uebermut totmüde getobt hat. Huck sann nach, was für ein Boot dies sein könne, und warum es nicht am gewöhnlichen Halteplatze anlege; dann wanderten seine Gedanken weiter, um sich voll und ganz auf sein Vorhaben zu richten. Die Nacht war wolkig und dunkel. Zehn Uhr kam, das Geräusch der Wagen erstarb, einzelne Lichter begannen zu erlöschen, der Fußgänger wurden weniger und weniger, das Städtchen bereitete sich zum nächtlichen Schlummer vor und überließ den kleinen Lauscher sich selber, dem rings herrschenden Schweigen und den Geistern der Finsternis. Elf Uhr nahte, auch die Lichter der Herberge erloschen, Dunkel überall. Huck harrte und lauschte, eine lange, bange Zeit, wie ihm schien. Nichts erfolgte. Sein Vertrauen begann zu wanken. Hatte dies geduldige Ausharren wohl irgend einen Wert? Würde es irgend einen Nutzen haben? Ob er's nicht viel besser ganz sein ließe und sich gar nicht weiter um die Sache kümmerte?
Da schlug ein Geräusch an sein Ohr. Im Moment war er ganz atemlose Aufmerksamkeit. Eine Thüre schloß sich leise und sacht. Er sprang an die Ecke der kleinen Gasse, und fast gleichzeitig huschten zwei dunkle Gestalten an ihm vorüber, deren eine irgend etwas Gewichtiges unter dem Arme zu tragen schien. Das mußte die Geldkiste sein! Der Schatz wurde also fortgeschleppt! Sollte er nach Tom rufen? Das wäre hirnverbrannt gewesen, denn einstweilen konnten die Kerle mit der Beute Gott weiß wohin verschwinden – auf Nimmerwiedersehen. Behüte, er wollte sich an ihre Sohlen heften und im sicheren Schutz der Dunkelheit ihrer Spur folgen. Während er so mit sich selber in's reine kam, war er behende hinter den Männern her geglitten, katzenartig, barfuß, denselben gerade genügend Vorsprung lassend, um sie noch im Auge behalten zu können.
Eine Strecke weit gingen sie der Flußstraße entlang und bogen dann zur Linken in ein Seitengäßchen ein. Diese verfolgten sie bis dahin, wo ein Fußpfad nach dem Cardiff-Berge abzweigte, welchen sie nun einschlugen, dann ging's an des Wallisers Haus vorbei, höher und immer höher den Berg hinan. Schön, dachte Huck, die gehen zum Steinbruch und verscharren dort ihren Schatz. Nein weiter, immer weiter ging's, vorbei am Steinbruch, ohne Aufenthalt. Nun war die Höhe des Berges erreicht. Jetzt drangen sie auf schmalem Pfad in das dichte Sumachgehölz ein und waren auf einmal in der Dunkelheit verschwunden. Huck folgte rasch nach und verkürzte seinen Abstand, denn hier war eine Entdeckung ganz unmöglich. So trabte er eine Weile dahin, um dann doch wieder langsamere Schritte zu machen, aus Furcht, zu rasch vorwärts zu kommen. Noch ein paar Schritte, dann hielt er an, lauschte, – kein Ton, keiner, außer dem Klopfen seines eignen Herzens! Der Schrei einer Eule klang aus dem Thal empor, – unheilvoller Laut! Aber kein Fußtritt, kein noch so leises Knistern der Zweige! Großer Gott, war denn alles verloren? Eben wollte er sich in beschleunigtem Tempo vorwärts stürzen, als sich jemand, keine vier Fuß von ihm entfernt, räusperte. Sein Herz schien ihm in die Kehle zu fahren, doch entschlossen schluckte er's wieder hinab. Da stand er, zitternd wie Espenlaub, als ob ihn ein Dutzend kalter Fieber auf einmal gepackt hätte und schüttelte, bis ihm Hören und Sehen verging und er dachte, zu Boden sinken zu müssen vor Angst und Schwäche. Er wußte nun, wo er war. In der Entfernung von wenigen Schritten mußte sich der Zaun befinden, der das Eigentum der Witwe Douglas umzog. ›Um so besser,‹ überlegte er, ›wenn sie's hier verscharren, wird's 'ne kleine Mühe sein, es wieder aufzufinden.‹
Jetzt hörte er eine leise Stimme, eine sehr leise Stimme, die er trotzdem erkannte, es war die des Indianer-Joe.
»Hol' sie der Henker, hat sicher wieder Leute bei sich – seh' noch Lichter, so spät's auch ist!«
»Ich seh' gar nichts.«
Es war jenes Fremden Stimme, – des Fremden aus dem Geisterhause. Eiseskälte durchzuckte Hucks Herz. Das also war jener geplante ›Racheakt‹. Sein erster Gedanke war Flucht. Dann dachte er daran, wie gütig die Witwe Douglas, die freundliche, schöne Dame, mehr als einmal gegen ihn, den armen Strolch, gewesen, und daß diese Schurken vielleicht im Sinn hätten, sie zu morden. Ach, wenn er nur den Mut hätte, sie zu warnen; aber das getraute er sich doch nicht, – konnten die Kerle doch kommen und ihn abfangen. All dies und mehr noch schoß ihm durch's Hirn in dem einen Moment, welcher zwischen der Bemerkung des Fremden und der darauf folgenden Antwort des Indianer-Joe verfloß.
»Na, der Busch steht dir im Weg, da schau mal hier hinaus, – so – gelt, jetzt siehst du's?«
»Jawohl, werden wohl Leute dort sein – geben's besser auf, denk' ich.«