»Aufgeben, eben, wo ich dem verdammten Land für immer den Rücken kehren will, aufgeben, um vielleicht nie wieder Gelegenheit zur Rache zu haben? Ich sag' dir's noch mal, wie ich's schon gesagt hab', keinen Pfifferling frag' ich nach ihrem Geld – das kannst du haben. Aber ihr Mann war hart gegen mich, nicht einmal, nein, oft und oft, und vor allem war er der Hund von einem Richter, der mich wegen Landstreicherei immer wieder in's Loch steckte. Und das ist noch lang' nicht alles! Millionenmal nicht alles! Durchpeitschen hat er mich lassen, durchpeitschen vor dem Gefängnis, wie einen Hund oder einen Nigger! Die ganze Stadt konnt's sehen! Durchpeitschen – begreifst du das! Er kam meiner Rache zuvor und starb, – sie aber soll's büßen!«

»Du wirst sie doch nicht umbringen wollen? Das wirst du doch nicht thun, so'n hübsches, stattliches Frauenzimmer, und 'n gutes Herz hat sie auch für die Armen!«

»Umbringen? Wer denkt daran? Ihn würd' ich abschlachten, wenn er da wär' – sie nicht! Ein Frauenzimmer bringt man nicht um, wenn man sich rächen will – Unsinn! Der geht's an die geliebte Fratze, man schlitzt ihr die Nasenflügel und stutzt ihr die Ohren!«

»Herrgott, das ist –«

»Behalt' deine Meinung für dich, bis du gefragt wirst, rat' dir's im Guten, 's wird wohl das beste für dich sein. Ich bind' sie auf ihr Bett fest; wenn sie sich hinterher verblutet, ist's meine Schuld nicht. Ich wein' ihr nicht nach! Du, Kamerad, wirst mir dabei helfen – mir zulieb – deshalb hab' ich dich mitgenommen, denn allein brächt' ich's am Ende nicht fertig. Probierst du auszukneifen, so hau' ich dich nieder, das merk' dir! Und wenn ich dir den Rest geben muß, so kriegt sie auch eins, daß sie das Aufstehen vergißt, und dann soll mir einer dahinter kommen, wer das Geschäft besorgt hat.«

»Na, wenn's denn sein muß, so muß es eben sein, dann los und dran! Je schneller, desto besser – mir läuft's jetzt schon kalt über den Leib!«

»Jetzt dran? – wo die Leute auf sind? Du, paß mal auf, sonst trau' ich dir nicht mehr. Nichts da! – gewartet wird, bis die Lichter aus sind, 's hat ohnehin keine Eile!«

Huck wußte, daß nun ein Schweigen folgen müsse, – ein Schweigen, schauerlicher und gefährlicher als die mörderischsten Reden. So hielt er denn seinen Atem an und trat behutsam und verstohlen einen Schritt zurück, den Fuß vorsichtig und fest niedersetzend, nachdem er zuvor auf einem Bein balancierte, sodaß er beinahe das Gleichgewicht verloren hätte. Noch einen Schritt rückwärts mit derselben Umständlichkeit, denselben Gefahren, einen und noch einen! Jetzt krachte ein Aestchen unter seinem Fuße. Der Atem blieb ihm beinahe aus, er lauschte. Kein Laut – tiefstes Schweigen! Grenzenlos war seine Dankbarkeit. Jetzt drehte er sich lautlos und mit der äußersten Vorsicht um und verfolgte seinen früheren Pfad zwischen den hohen Sumachbüschen zurück. Schnell und behutsam glitt er dahin. Als er dann am Steinbruch aus dem Gehölz hervortrat, fühlte er sich geborgen. Nun lieh er seinen Sohlen Schwingen und flog den Berg hinunter, weiter, immer weiter bergab, bis er das Haus des alten Wallisers erreichte. Er trommelte an die Thüre und alsbald erschienen der Alte und seine beiden handfesten Söhne am Fenster.

»Was zum Teufel ist denn los? Wer drischt dort an der Thüre? He, was wollt ihr?«

»Schnell, macht auf – ich sag' euch dann ja alles!«