»Die Idioten! Sie sagten mein Schiff würde nicht fliegen, und wollten’s untersuchen und darauf herumspionieren und das Geheimnis aus mir herauslocken! Aber ich hab’ sie angeführt! Kein Mensch kennt das Geheimnis außer mir. Niemand außer mir weiß, was das Schiff treibt; ’s ist ’ne neue Kraft – ’ne ganz neue, tausendmal so stark als alles andere auf Erden. Dampf ist Kaff dagegen. Sie sagten, ich könnte nicht nach Europa fahren. Nach Europa! Bah, ich habe Kraft für fünf Jahre an Bord und Lebensmittel für drei Monate. Sie sind verrückt! Was verstehen sie davon? Und dann sagten sie, mein Schiff sei zerbrechlich! Zerbrechlich! Fünfzig Jahre lang kann’s aushalten. Ich kann mein ganzes Leben lang in den Lüften herumfahren, wenn ich Lust habe, und kann es steuern, wohin ich will. Und sie lachten mich aus und sagten, ich könnt’s nicht. Könnt’ nicht steuern! Komm her, Junge; das wollen wir gleich mal sehen. Du drückst bloß auf die Knöpfe, die ich dir bezeichne.«
Er ließ nun Tom das Schiff nach allen Richtungen hin steuern und Tom lernte es im Handumdrehen; er sagte uns, es ginge ganz leicht. Der Professor ließ ihn das Schiff beinahe ganz auf den Erdboden herunterbringen, und es strich so dicht über die Felder von Illinois hin, daß man mit den Landleuten hätte sprechen können, denn wir hörten ganz deutlich jedes Wort, das sie sagten. Und der Professor warf ihnen bedruckte Zettel zu, darin stand allerlei über den Ballon, und daß wir nach Europa segelten. Dann brachte der Professor Tom bei, wie er den Ballon zu landen hätte. Auch das lernte er famos, er setzte uns ganz sanft und leise auf die Wiese nieder. Aber sowie wir Miene machten auszusteigen, rief der Professor: »Nä, das nicht!« und ließ den Ballon wieder in die Lüfte emporschießen. Jim und ich begannen zu flehen, aber das machte den Mann bloß ärgerlich, er fing an zu toben und vor Wut die Augen zu verdrehen, und ich kriegte ’ne Höllenangst vor ihm. Dann fing er wieder von den bösen Menschen an und brummte und knurrte darüber, wie man ihn behandelt hätte; und besonders darüber, daß die Leute gesagt hatten, sein Schiff sei zerbrechlich, konnte er, wie’s scheint, nicht hinwegkommen. Und dann hatte man gesagt, das Luftschiff sei nicht einfach genug und werde fortwährend in Unordnung geraten. In Unordnung! Das regte ihn fürchterlich auf; er rief, der Ballon würde so wenig in Unordnung geraten wie ’ne Sonnenzisterne.[3]
[3] Eine kleine Verwechselung mit dem Sonnensystem.
Es wurde immer schlimmer mit ihm und ich habe niemals einen Menschen in solcher Wut gesehen. Beim bloßen Anblick überlief mich ’ne Gänsehaut und Jim ging’s nicht besser. Allmählich wurde sein Sprechen zu lautem Geschrei und Gekreisch; er schwor, die Welt sollte sein Geheimnis überhaupt nicht kennen lernen; man hätte ihn zu niederträchtig behandelt. Er wollte mit seinem Ballon um den ganzen Erdball herumfahren, um ihnen zu zeigen, was er damit leisten könnte, und dann wollte er den Ballon und sich selber und uns dazu ins Meer versenken. Es war ’ne verflucht ungemütliche Lage für uns, und dabei brach auch noch die Nacht herein.
Er gab uns was zu essen und befahl uns dann, nach dem hinteren Ende der Gondel zu gehen. Er selbst streckte sich auf einer von den Bänken aus, von wo aus er den ganzen Mechanismus hantieren konnte, legte seine alte Revolver-Pfefferbüchse unter seinen Kopf und sagte, wenn einer von uns so verrückt wäre, das Luftschiff landen zu wollen, den würde er totschießen.
Wir saßen aneinander geschmiegt und machten uns recht viele Gedanken, sprachen aber wenig – wir hatten zu große Angst. Allmählich senkte sich die Nacht hernieder. Wir segelten ziemlich niedrig, und im Mondschein sah alles so hübsch und lieblich aus; wir hörten die Geräusche, die von den Gehöften kamen, und wünschten, wir wären dort unten. Aber wie ein Geisterhauch schwebten wir über sie hin, ohne eine Spur zu hinterlassen. Spät in der Nacht – man hörte den Geräuschen von drunten an, daß es spät war, und man merkte es an der Luft, ja man roch es ihr sozusagen an – dem Gefühl und Geruch der Luft nach dachte ich, es müsse etwa zwei Uhr sein – spät in der Nacht also sagte Tom, der Professor wäre jetzt so still, er müßte wohl eingeschlafen sein, und darum sollten wir …
»Sollten wir … was?« fragte ich flüsternd. Und mir war ganz schlimm dabei zu Mute, denn ich wußte, woran Tom dachte.
»Wir sollten uns zu ihm heranschleichen und ihn binden und mit dem Luftschiff landen!« antwortete er.
Ich sagte: »Um Gottes willen nicht! Rühr’ dich nicht vom Fleck, Tom Sawyer!«