Und Jim – ja, dem blieb vor Angst einfach die Luft weg. Er sagte:

»O, Massa Tom, tu Sie ja nich! Wenn Sie ihn anrühren, es sein alle mit uns, warraftig alle mit uns! Ich tät’ ihm nich zu nah kommen, nich für nix auf die Welt! Er sein verrückt wie ’ne …«

»Eben drum!« flüsterte Tom. »Eben drum müssen wir das tun. Wäre er nicht verrückt, so gäbe ich, ich weiß nicht was, darum, um bloß hier auf dem Luftschiff zu sein; keine zehn Pferde sollten mich von hier wegkriegen, jetzt wo ich mit dem Ding umzugehen weiß und die erste Angst, als wir plötzlich den festen Grund unter den Füßen verloren, überwunden ist. Wenn er nur seinen rechten Verstand hätte! Aber mit so ’nem Menschen ’rumzugondeln, der ’ne Schraube verloren hat und sagt, er wolle um die Welt segeln und nachher uns alle ersäufen – nee, das geht nicht. Wir müssen was tun, sage ich euch, und zwar bevor er aufwacht, sonst haben wir vielleicht niemals wieder ’ne Gelegenheit dazu. Kommt!«

Aber uns überlief ’ne eiskalte Gänsehaut bei dem bloßen Gedanken daran, und wir rührten uns nicht von der Stelle. Tom sagte darauf, er wollte allein an den Professor herankriechen und versuchen, ob er nicht an den Steuerapparat herankommen und den Ballon landen könnte. Wir baten und flehten, er möchte es nicht tun, aber es half uns nichts. Er kroch auf Händen und Füßen Zoll um Zoll vorwärts, und uns stockte der Atem, als wir das mit ansahen. Als er in der Mitte der Gondel angekommen war, fing er an noch langsamer zu kriechen, und mir kam es vor, als vergingen Jahre darüber. Zuletzt aber sahen wir, wie er bei des Professors Kopf war; da richtete er sich halb auf und sah ihm ins Gesicht und lauschte. Dann kroch er wieder Zoll um Zoll zu des Professors Füßen herunter, wo die Steuerknöpfe waren. Er kam auch richtig an und griff langsam und bedächtig nach den Knöpfen; aber dabei stieß er an irgend etwas an. Es gab ein Geräusch, und plumps! lag er flach auf dem Boden der Gondel.

Der Professor fuhr empor und rief: »Was ist das?«

Aber wir hielten uns alle mäuschenstill; er brummte und gähnte und streckte sich wie jemand, der aus dem Schlaf aufwacht, und ich dachte, ich sollte vor Angst und Zagen umkommen.

Auf einmal schob sich eine Wolke vor den Mond, und ich hätte vor Freude beinahe laut aufgeschrieen. Der Mond verschwand immer tiefer in den Wolken und es wurde so dunkel, daß wir Tom nicht mehr sehen konnten. Dann begannen Regentropfen zu fallen und wir hörten, wie der Professor an seinen Stricken und Knöpfen herumbastelte und auf das Wetter fluchte. Wir fürchteten jede Minute, er könnte Tom entdecken – und dann wären wir alle rettungslos verloren gewesen. Aber Tom war schon auf dem Rückweg und auf einmal fühlten wir seine Hände auf unseren Knieen. Da ging mir vor Angst plötzlich die Luft aus und das Herz fiel mir in die Hosen; denn in der finsteren Nacht konnte ich nicht wissen, ob es nicht der Professor wäre; und ich dachte wirklich, er wär’s.

O je, die Freude, als wir ihn nun wirklich zurück hatten! So vergnügt kann bloß einer sein, der mit einem Verrückten in der Luft ’rumfährt! Im Dunkeln kann man mit einem Luftballon nicht landen; ich hoffte daher, der Regen möchte andauern, denn ich wünschte durchaus nicht, daß Tom noch ’mal sein Glück versuchte und uns wieder in die unbehagliche Angst versetzte. Na, mein Wunsch ging in Erfüllung. Den ganzen übrigen Teil der Nacht regnete es immer sachte weg; das war nun freilich keine sehr lange Zeit, uns aber kam sie endlos vor.

Mit Tagesanbruch heiterte der Himmel sich auf und die Welt sah über alle Maßen lieblich und hübsch aus in ihrem grauen Dunst, und was für’n schöner Anblick war’s, Felder und Wälder wieder zu sehen! Und Pferde und Ochsen standen so klar und deutlich da und sahen so nachdenklich aus. Dann kam in heiterer Pracht die Sonne herauf, und wir fühlten auf einmal wie müde und kaput wir waren, und ehe wir’s uns versahen, waren wir alle drei fest eingeschlafen.