Den Leuten grauste, als sie sich vorstellten, wie der alte Onkel Silas den Ermordeten in seine Tabakpflanzung geschleppt hatte, wo der Hund hernach die Leiche aufwühlte. Viel Mitgefühl war aber nicht in den Gesichtern zu lesen, und einer sagte zu seinem Nachbar: »Schauderhaft, den Toten so herumzutragen und dann im Boden zu verscharren, wie das erste beste Tier – und so was kann ein Pastor thun!«
Auch diesen Zeugen mußte der Verteidiger allein vornehmen; Tom war wie blind und taub, er rührte sich nicht.
Nach Bill kam Hans Withers und wiederholte alles, was sein Bruder gesagt hatte.
Dann wurde Brace Dunlap aufgerufen. Der sah so kummervoll aus, als ob ihm das Weinen nahe wäre. Im Saal entstand eine große Bewegung; alle horchten auf, um ja kein Wort zu verlieren; die Weiber flüsterten: »Der arme Mensch!« und viele sah man sich die Augen trocknen.
Brace Dunlap leistete den Eid, dann sagte er:
»Ich war schon lange in Sorge um meinen armen Bruder, doch hoffte ich immer noch, die Sachen stünden nicht so schlimm wie er sie schilderte. Wie hätte ich auch denken sollen, daß es irgend jemand übers Herz bringen würde, einem so harmlosen Geschöpf ein Leid anzuthun. Und daß gar der Pastor ihm nach dem Leben trachtete, konnte mir gar nicht in den Sinn kommen. Aber nie, nie werde ich mir vergeben, daß ich der Sache nicht gleich ein Ende gemacht habe; hätte ich das gethan, so wäre mein armer unschuldiger Bruder heute noch am Leben, und nun liegt er dort drüben – grausam ermordet.« Die Rührung übermannte ihn; er mußte eine Weile warten, weil ihm die Stimme versagte. Von allen Seiten wurden teilnahmvolle Worte laut und die Weiber weinten. Dann entstand eine feierliche Stille; nur der arme alte Onkel Silas stöhnte aus tiefster Brust, so daß es jedermann hörte.
Brace fuhr fort: »Samstag den 2. September kam er nicht zum Nachtessen heim. Als es spät wurde, schickte ich einen meiner Neger nach der Wohnung des Angeklagten; aber dort war mein Bruder nicht. Meine Unruhe wuchs; zwar legte ich mich zu Bette, aber an Schlaf war nicht zu denken. In der Nacht stand ich noch einmal auf, ging nach dem Hause des Angeklagten und irrte da lange umher in der Hoffnung, meinen armen Bruder zu treffen. Ach, ich wußte ja nicht, daß er schon aus aller Not in ein besseres Jenseits entrückt war.« Wieder versagte ihm die Stimme und man hörte die Weiber schluchzen. Bald nahm Brace einen neuen Anlauf: »Das Warten war vergebens. Ich ging heim und legte mich nieder. Ein paar Tage später gerieten die Nachbarn auch in Sorge und fingen an, von den Drohungen zu reden, die der Angeklagte ausgestoßen hatte. Ihre Ansicht, daß mein Bruder ermordet sei, teilte ich nicht; aber das Gerücht verbreitete sich, man fing an, nach der Leiche zu suchen. Ich war der Meinung, mein Bruder habe sich irgendwohin geflüchtet, um etwas Ruhe zu haben und er werde über kurz oder lang zurückkehren. Da kamen am Samstag den 9. Lem Beebe und Jim Lane noch spät abends zu mir und erzählten mir alles – so erfuhr ich den gräßlichen Mord, der mir fast das Herz brach. Zugleich erinnerte ich mich an einen Umstand, auf den ich vorher kein großes Gewicht legte, weil ich gehört hatte, der Angeklagte sei ein Nachtwandler und thue im Schlaf allerlei, wovon er kein Bewußtsein habe. In jener schrecklichen Nacht, am Samstag nämlich, als ich voll Sorge und Kummer umherirrte, kam ich auch an die Tabakpflanzung des Angeklagten und hörte ein Geräusch, als ob der Boden aufgegraben würde. Ich schlich näher und sah durch die Hecke einen Mann, der Erde in ein Loch schaufelte, das schon fast zugefüllt war. Er stand mit dem Rücken nach mir, aber im Mondlicht erkannte ich den Angeklagten an seinem alten grünen Arbeitskittel mit dem weißen Flicken zwischen den Schultern, der aussieht, als hätte ihn jemand mit einem Schneeball geworfen. Er war gerade beschäftigt, den Mann, den er erschlagen hatte, im Boden zu verscharren.«
Weinend und schluchzend sank Brace auf seinen Stuhl nieder und durch den ganzen Saal ging ein Klagegestöhn. »Wie schauderhaft, wie gräßlich!« klang es von allen Seiten; die Unruhe nahm mit jeder Minute zu. Da auf einmal erhob sich der alte Onkel Silas; er sah so weiß aus, wie ein Tuch und rief:
»Es ist alles buchstäblich wahr – ich habe ihn mit kaltem Blute umgebracht!«