Die Leute waren erst starr vor Schrecken, dann entstand ein wilder Lärm. Jeder sprang von seinem Sitze auf und reckte den Hals, um besser sehen zu können. Der Richter schlug mit dem Hammer auf den Tisch und der Sheriff kreischte: »Ruhe und Ordnung im Gerichtssaal – Ruhe!«
Von alledem schien Tom Sawyer nicht das mindeste zu merken. Wahrhaftig, da saß er, starrte ins Leere und schaute auch nicht ein einzigesmal nach Onkel Silas hin.
Unterdessen stand der alte Mann noch immer hoch aufgerichtet, mit glühenden Blicken und an allen Gliedern bebend da. Er wehrte seine Frau und Tochter ab, die sich an ihn klammerten und flehten, er solle schweigen. Nein, er wollte das Verbrechen nicht mehr auf der Seele haben, er wollte die Last abwälzen, unter der er erliegen mußte, keine Stunde länger wollte er sie tragen. Und während alle Zuschauer ihn entsetzt anstarrten, während der Richter, die Geschworenen, die Anwälte nach Atem rangen, während Benny und Tante Sally schluchzten, daß es einen Stein erbarmen konnte, floß dem alten Mann sein grausiges Bekenntnis über die Lippen, wie ein Strom, der aus seinen Ufern bricht:
»Ich habe ihn umgebracht. Ich bin der Schuldige! Doch hatte ich noch nie im Leben daran gedacht, ihm Schaden oder Leid zuzufügen, bis zu dem Augenblick, als ich den Stock erhob. Daß ich ihm schon früher gedroht haben soll, ist nicht wahr. Ganz plötzlich ward es mir eiskalt ums Herz, alles Mitleid war verflogen, ich wollte ihn töten und schlug zu. In dem Moment kam mir alles zum Bewußtsein, was ich erlitten hatte, aller Schimpf, den mir der Mann und sein schurkischer Bruder dort angethan, die zusammen darauf ausgegangen waren, mich bei den Leuten in Verruf zu bringen, mir den guten Namen abzuschneiden und mich solange zu quälen, bis ich eine That beging, die mich und die Meinigen ins Verderben stürzte, während wir ihnen doch, weiß Gott, nie etwas zuleide gethan hatten. Es war nichts, als gemeine Rache von ihnen. Und wofür? – Bloß weil meine arme unschuldige Tochter hier den reichen, frechen und feigen Nichtsnutz, den Brace Dunlap, nicht heiraten wollte, der jetzt solchen Schmerz um seinen Bruder heuchelt, dem er sein Lebtag nichts Gutes gegönnt hat. – In jenem Augenblick vergaß ich mein Seelenheil und dachte nur an meinen bittern Groll – ich schlug zu, um meinen Feind zu töten – verzeih mir’s Gott! – Sofort that mir’s von Herzen leid, mich überfiel die Reue; doch dachte ich an die Meinigen und um ihretwillen wollte ich meine Missethat verbergen. Erst schleppte ich die Leiche ins Gebüsch und später in das Tabakfeld. Im nächtlichen Dunkel schlich ich mich dorthin und begrub den Erschlagenen – –«
Auf einmal schnellte Tom von seinem Sitz in die Höhe: »Jetzt hab’ ich’s,« rief er triumphierend und streckte die Hand mit förmlich hoheitsvoller Gebärde nach dem alten Mann aus.
»Setz’ dich, Onkel! Es ist zwar ein Mord verübt worden, aber du bist’s nicht gewesen, der ihn begangen hat.«
Im Nu wurde es totenstill im Saal. Der Alte sank verwirrt auf seinen Stuhl; Tante Sally und Benny starrten Tom mit offenem Munde an und auch die übrigen Anwesenden wußten kaum, wo ihnen der Kopf stand, vor maßlosem Staunen und unbeschreiblicher Ueberraschung.
»Darf ich reden, Herr Präsident?«
»Um Gottes willen ja – so sprich doch!« rief der Richter, der seinen Ohren nicht traute.
Tom stand und wartete noch ein paar Sekunden – um die Wirkung zu erhöhen, wie er es nennt – dann begann er mit größter Gelassenheit: