»Seit etwa zwei Wochen ist hier vorn am Gerichtshause eine Bekanntmachung angeschlagen, in der eine Belohnung von 2000 Dollars für Wiedererlangung von zwei großen Diamanten geboten wird, die in St. Louis gestohlen worden sind. Die Diamanten sind zwölftausend Dollars wert. Doch darauf komme ich später zurück. Jetzt will ich von dem Mord reden und sagen, wie es dazu kam, wer ihn begangen hat – und alle Einzelheiten.«

Nein, wie sie alle die Köpfe vorstreckten und horchten, damit ihnen kein Wort entginge! –

»Der Mann hier, der jetzt so um seinen toten Bruder jammert, für den er, solange er lebte, keinen Pfifferling gegeben hätte, wie ihr recht wohl wißt – dieser Brace Dunlap wollte das junge Mädchen dort heiraten, aber sie nahm ihn nicht. Da drohte er Onkel Silas, das sollte ihnen noch allen teuer zu stehen kommen. Onkel wußte, daß er gegen solchen Mann nichts auszurichten vermochte; das ängstigte ihn sehr und er that alles Erdenkliche, um ihn zu besänftigen und wieder zu versöhnen. Er nahm sogar seinen nichtsnutzigen Bruder Jupiter als Arbeiter auf die Farm und sparte sich und den Seinigen den Lohn, den er ihm zahlte, am eigenen Leibe ab. Jupiter aber that alles, was sein Bruder nur ersinnen konnte, um Onkel Silas zu beleidigen, zu ärgern und zu quälen, damit Onkel sich vom Zorn fortreißen ließe und so um seinen guten Ruf kam. Der Plan gelang. Alle wandten sich von Onkel ab und glaubten den ausgestreuten Verleumdungen. Das nahm sich der alte Mann so zu Herzen, daß er vor lauter Kummer und Trübsal oft gar nicht recht bei Sinnen war.

»An jenem schrecklichen Samstag nun, kamen die zwei Zeugen Lem Beebe und Jim Lane an dem Acker vorüber, wo Onkel Silas und Jupiter bei der Arbeit waren – so viel von ihrer Aussage ist wahr, das übrige sind lauter Lügen. Sie haben weder Onkel Silas sagen hören, daß er Jupiter umbringen wollte, noch haben sie ihn den Schlag führen sehen. Den Leichnam haben sie auch nicht erblickt und ebenso wenig, daß Onkel etwas im Gebüsch verborgen hat. – Seht sie nur an, wie sie jetzt dasitzen und wünschen, sie hätten ihre Zungen besser im Zaum gehalten. Sie werden noch ganz andere Gesichter machen, wenn ich alles erst ins reine gebracht habe.

»An dem nämlichen Samstag abend haben Bill und Hans Withers gesehen, wie ein Mann den andern auf der Schulter fortschleppte. Soweit haben sie die Wahrheit gesprochen, das andere ist erlogen. Zuerst glaubten sie, ein Neger hätte dem Onkel Silas Korn gestohlen. – Seht nur, wie verdutzt sie jetzt dreinschauen, weil sie erfahren, daß jemand sie das hat sagen hören. Später ist’s ihnen sonnenklar geworden, wer die Leiche fortgeschafft hat, und sie wissen recht gut, warum sie hier vor Gericht geschworen haben, sie hätten Onkel Silas am Gang erkannt. Er war’s aber doch nicht, und das wußten die meineidigen Zeugen ebenfalls.

»Es ist möglich, daß ein Mann beim Mondenschein gesehen hat, wie der Leichnam in der Tabakpflanzung vergraben wurde – aber Onkel Silas hat nichts damit zu thun gehabt. Der lag zu selbiger Zeit daheim in seinem Bett.

»Ehe ich weiter erzähle, möchte ich die Anwesenden noch daran erinnern, daß viele Menschen, wenn sie tief in Gedanken geraten oder innerlich erregt sind, die Gewohnheit haben, irgend etwas mit ihren Händen zu thun, ohne es zu wissen. Sie fassen sich ans Kinn oder an die Nase, drehen an einem Knopf oder ihrer Uhrkette, streichen sich übers Haar oder den Bart. Manche zeichnen sich auch mit dem Finger ein Bild oder einen Buchstaben ins Gesicht. Das ist meine Manier. Wenn mich etwas quält oder ärgert, oder wenn ich recht nachdenke, male ich mir immerfort ein großes V auf die Backe oder das Kinn und meistens merke ich selbst gar nichts davon.«

Komisch! Mir geht das ebenso. Nur mache ich ein O. Ich sah auch, wie die Leute im Saal einander anstießen und zunickten, was so viel heißen sollte, wie: Ja, so ist’s!

»Am selben Samstag – nein, es war am Abend vorher –« fuhr Tom fort, »lag ein Dampfboot an der Landungsbrücke vierzig Meilen flußaufwärts von hier; es stürmte und regnete, was nur vom Himmel wollte. An Bord war der Dieb, der die zwei großen Diamanten gestohlen hatte, von denen die Bekanntmachung hier am Gerichtshaus redet. Er schlich sich mit seinem Reisesack ans Land, ging in die dunkle Sturmnacht hinaus und hoffte, diese Stadt mit heiler Haut zu erreichen. Allein auf dem Dampfboot hielten sich auch zwei seiner Genossen verborgen, welche, wie er wußte, nur auf die Gelegenheit lauerten, ihn umzubringen, um die Diamanten zu bekommen. Die drei Spießgesellen hatten die Edelsteine nämlich miteinander gestohlen, jener erste Dieb aber hatte sie eingesteckt und sich damit aus dem Staube gemacht.