»Spinnen in ’ner Wüste, du Schafskopf? Spinnen, die in einer langen Reihe marschieren? Streng’ mal ’n bißchen deinen verehrlichen Schädel an, Huck Finn, – aber es kommt mir allerdings fast so vor, als hättest du nichts drin! Du denkst wohl gar nicht dran, daß wir ’ne volle Meile hoch oben in der Luft sind und daß der Streifen von Krabbeltieren zwei oder drei Meilen entfernt ist. Spinnen – heiliger Bimbam! Spinnen so groß wie ’ne Kuh? Willst du nicht vielleicht runtergehen und eine von ihnen melken? Aber verlaß dich nur darauf, was ich sage: es sind und bleiben Kamele. ’s ist ’ne Karawane, ganz einfach ’ne Karawane, und sie ist ’ne Meile lang!«

»Na, denn wollen wir doch runtergehen und sie uns ansehen! Ich glaube es nun ’mal nicht und werde nicht eher dran glauben, als bis ich’s genau und deutlich selber sehe!«

»Meinetwegen!« rief Tom und kommandierte: »Tiefer mit dem Ballon!«

Als wir in die heiße Luftschicht kamen, da konnten wir denn sehen, daß es wirklich Kamele waren – eine endlose Reihe von bedächtig schreitenden Tieren, die große Ballen auf ihren Rücken trugen. Auch mehrere hundert Männer waren dabei, die hatten lange weiße Gewänder an und um ihre Köpfe trugen sie lange Binden gewickelt, von denen Troddeln und Fransen herniederhingen. Einige von ihnen hatten lange Flinten und andere hatten keine; einige ritten und andere gingen zu Fuß. Und die Hitze – na, wir kamen uns vor, wie wenn wir auf ’nem Bratrost lägen. Und wie langsam krochen sie durch die Wüste hin! Wir ließen uns nun plötzlich hernieder und stoppten, als wir ungefähr hundert Meter über ihnen waren.

Die Männer schrieen alle miteinander plötzlich laut auf, und einige warfen sich platt auf den Bauch, andere fingen an, mit ihren Flinten nach uns zu schießen, und der Rest stob nach allen Windrichtungen auseinander – Menschen, Pferde und Kamele.

Wir sahen, daß wir Wirrwarr anrichteten, und stiegen deshalb wieder auf, bis wir ungefähr in der alten Höhe von einer Meile uns befanden, wo die kühle Luftschicht war; von dort aus sahen wir uns alles an. Sie brauchten beinahe eine Stunde, bis sie wieder alle zusammen und in der richtigen Marschordnung waren; dann brachen sie wieder auf, aber wir konnten durch unsere Fernrohre beobachten, daß sie bloß für unseren Luftballon Augen hatten. Wir fuhren in ihrer Richtung weiter, indem wir sie durch unsere Gläser genau betrachteten; das war ein sehr interessanter Anblick. Auf einmal sahen wir einen großen Sandhügel und jenseits desselben eine Menge Gestalten, die wir für Menschen hielten; und oben auf dem Hügel lag etwas – dem Anschein nach ein Mann; der hob alle Augenblicke mal den Kopf in die Höhe und sah sich um – ob nach uns oder nach der Karawane, das konnten wir nicht unterscheiden. Als die Karawane näher gekommen war, rutschte er auf der anderen Seite des Hügels herunter und lief schnell zu den anderen Menschen – wir sahen jetzt, daß es solche waren – die neben ihren Pferden hinter dem Sandberg auf der Lauer gelegen hatten. Im Nu waren sie im Sattel und wie ein Donnerwetter kamen sie hervorgesprengt, einige mit Lanzen bewaffnet und andere mit langen Flinten, und alle miteinander schrieen und heulten sie aus vollem Halse.

Eins, zwei, drei waren sie bei der Karawane und in der nächsten Minute prallten die beiden Parteien aufeinander. Dann folgte ein wildes Durcheinander und ein Flintengeknatter, wie wir’s nie gehört hatten, und die Luft war so voll von Pulverdampf, daß wir nur ab und zu einen schnellen Blick auf das Handgemenge werfen konnten.

Es müssen wohl mindestens sechshundert Mann an der Schlacht beteiligt gewesen sein, und der Anblick war fürchterlich. Allmählich lösten sie sich in einzelne kleine Abteilungen und Gruppen auf, die in verzweifelter Wut miteinander kämpften und nicht abließen, wie wenn sie sich ineinander verbissen hätten. Wenn der Pulverqualm sich auf kurze Augenblicke ein wenig verzog, konnten wir tote und verwundete Menschen und Kamele überall auf dem Boden verstreut liegen sehen, und die Tiere liefen wie toll nach allen Richtungen davon.

Schließlich sahen die Räuber ein, daß sie nichts ausrichten konnten; ihr Hauptmann blies ein Signal und was von ihnen noch am Leben war, sprengte über die Wüste davon. Der Letzte von den Räubern riß noch ein Kind an sich und warf es vor seinem Sattel über das Pferd, und ein Weib rannte schreiend und flehend hinter ihm her, bis sie eine weite Strecke von ihren Leuten entfernt war. Sie konnte ihn nicht einholen und schließlich gingen ihr die Kräfte aus und wir sahen, wie sie auf dem Sande zusammenbrach und das Gesicht mit den Händen bedeckte.