Da sprang Tom ans Steuer; wie der Sturmwind sausten wir auf den Schurken los und unsere Gondel traf ihn, daß das Pferd niederfiel und Räuber und Kind aus dem Sattel flogen. Er hatte eine ganz gehörige Schramme gekriegt, aber das Kind war heil und ganz und lag mit Armen und Beinen strampelnd da, wie ein Käfer, der auf den Rücken gefallen ist und nicht wieder hoch kommen kann. Der Mann humpelte davon, um wieder sein Pferd zu besteigen; er machte ein ganz verblüfftes Gesicht, weil er nicht wußte, was ihn umgeschmissen hatte, denn wir waren inzwischen schon wieder drei- bis vierhundert Meter hoch oben in der Luft.

Wir dachten, das Weib wäre nun hingegangen und hätte sich ihr Kind geholt; aber das tat sie nicht. Wir sahen durch unsere Ferngläser, wie sie noch immer auf derselben Stelle saß, den Kopf auf die Kniee gesenkt. Sie hatte deshalb natürlich von dem ganzen Vorgange nichts bemerkt und glaubte, ihr Kind wäre ihr von dem Mann für ewig geraubt. Sie mochte eine halbe Meile von der Karawane entfernt sein und das Kind lag etwa eine Viertelmeile von ihr auf dem Sand. Wir beschlossen daher, es aufzuheben, denn vor den Leuten der Karawane brauchten wir keine Angst zu haben; sie konnten nicht so schnell zu uns herankommen; außerdem hatten sie noch für eine gute Weile alle Hände voll zu tun, um für ihre Verwundeten zu sorgen. Deshalb beschlossen wir, das Wagnis zu unternehmen.

Wir gingen bis auf den Grund herab; Jim kletterte die Leiter herunter und hob das kleine Kindchen auf; es war ein hübscher dicker Bengel und er jauchzte und kreischte vor Vergnügen, was in Anbetracht der Umstände eine anerkennenswerte Leistung war – denn er hatte doch gerade eben eine große Schlacht mitgemacht und war von einem Pferde abgeworfen worden.

Darauf segelten wir an die Mutter heran; wir hielten dicht hinter ihrem Rücken und Jim kletterte wieder heraus und ging leise mit dem Kind auf dem Arm zu ihr heran, und das Kleinchen lallte und quiekte und sie hörte es und fuhr mit einem Freudenschrei herum. Dann nahm sie ihr Kind und herzte und küßte es und setzte es wieder hin und herzte und küßte Jim und hing ihm eine goldene Kette um, und fiel ihm wieder um den Hals. Und dann riß sie wieder ihr Kind an sich und drückte es gegen ihren Busen und schluchzte und jauchzte immer durcheinander. Jim sprang schnell nach der Strickleiter und war im Nu oben bei uns in der Gondel. Eine Minute darauf waren wir wieder hoch oben unterm Himmel, und da stand das Weib und sah uns nach, den Kopf ganz tief in den Nacken zurückgeworfen, und das Kind hatte die Aermchen um ihren Hals geschlungen.

Und so stand sie und sah uns nach, bis wir vor ihren Blicken tief im Himmel verschwunden waren.


Siebentes Kapitel.

»Mittag!« sagte Tom. Und so mußte es wohl sein, denn sein Schatten bildete nur einen kleinen Fleck um seinen Fuß herum.

Wir hatten in unserer Gondel zwei Uhren, die nebeneinander befestigt waren und ganz verschiedene Zeiten anzeigten. Tom sagte, es wären Chronometer, und der eine zeigte die Zeit von St. Louis, der andere die von Grinnitsch. Wir sahen nun auf diesen nach und es war beinahe aufs Haar zwölf Uhr. So sagte denn Tom, Grinnitsch – oder London, denn das wäre ein und dasselbe – wäre entweder direkt nördlich oder direkt südlich von uns; aus der Hitze aber und dem Sand und den Kamelen schlösse er, daß London wohl eher nördlich läge und zwar ’ne ganz gehörige Anzahl Meilen – etwa soweit wie von New York nach der Stadt Mexiko.

Jim meinte, ein Luftballon wäre doch wohl das schnellste Ding auf der Welt; wenn nicht etwa irgend ein Vogel noch schneller wäre – vielleicht ’ne wilde Taube oder ’ne Eisenbahn.