Tom Sawyer im Luftballon.

Erstes Kapitel.

War nun Tom Sawyer zufrieden nach all seinen Abenteuern? Ich meine die Abenteuer auf dem Fluß, als wir den Nigger Jim frei machten und Tom den Schuß ins Bein kriegte.[1]

[1] Humor. Schriften, Bd. 2 (Fahrten des Huckleberry Finn).

Nein, er war nicht zufrieden! Es fraß an ihm, er wollte nur noch mehr. Ja, als wir drei auf dem Fluß zurückkamen von unserer langen Reise, in voller Glorie – so kann man wohl sagen – und als das Städtchen uns mit einem Fackelzug und mit Ansprachen und mit allgemeinem Hurra und Jubelgeschrei empfing, – ja, da waren wir Helden, und darnach war ja Tom Sawyers Sehnsucht immer gestanden.

Eine Zeitlang war er denn auch wirklich zufrieden. Alle Leute feierten ihn, und er trug seine Nase hoch und ging mit einer Miene im Städtchen herum, als ob es ihm ganz allein gehörte. Einige nannten ihn ›Tom Sawyer den Reisenden‹, und dieser Titel machte ihn so aufgeblasen, daß er beinahe geplatzt wäre. Natürlich stand er ganz anders da, als ich und Jim, denn wir waren ja auf einem gewöhnlichen Floß stromabwärts gefahren und nur stromauf mit dem Dampfer, Tom aber hatte den Hin- sowohl wie den Rückweg auf dem Dampfboot gemacht. Die Jungens beneideten Jim und mich nicht wenig, aber vor Tom – ach, du liebe Zeit, da krochen sie geradezu im Staube.

Vielleicht wäre nun Tom doch zufrieden gewesen, wäre nur nicht der alte Nat Parsons dagewesen. Das war der Postmeister, ein riesenlanger und dünner, gutmütiger und ein bißchen beschränkter Mann, mit ganz kahlem Kopf – denn er war schon sehr alt – und so ziemlich das schwatzhafteste alte Geschöpf, das ich je gesehen habe. Volle dreißig Jahre lang war er im Städtchen der einzige berühmte Mann gewesen; berühmt war er als Reisender, und natürlich war er über alle Maßen stolz darauf, und man hatte ihm nachgerechnet, daß er im Lauf der dreißig Jahre mehr als eine Million Male die Geschichte von seiner Reise erzählt und jedesmal wieder selber eine kindliche Freude daran gehabt hatte. Und nun kommt da auf einmal ein Bengel von noch nicht fünfzehn, und jedermann reißt Mund und Augen auf über dessen Reisen! Natürlich brachte das den alten Herrn außer Rand und Band. Es machte ihn ganz krank, wenn er mit anhören mußte, wie Tom erzählte und wie die Zuhörer dabei fortwährend riefen: »Ach Herrjeh,« »Nee, aber so was!« »Ach du himmlische Barmherzigkeit!« usw. usw. Aber trotzdem mußte er immer wieder zuhören; er war wie die naschhafte Fliege, die mit einem Hinterbein in der Sirupschüssel festsitzt Und jedesmal, wenn Tom eine Pause machte, dann fing der arme alte Herr von seiner abgedroschenen alten Reise an und quälte sich ab, sie so recht zur Geltung zu bringen – aber sie war wirklich schon zu abgedroschen und zog nicht mehr, und es konnte einem wirklich leid tun, wenn man’s mit ansah. Dann kam Tom wieder an die Reihe und dann wiederum der Alte – und so fort, und so fort, eine Stunde lang und noch länger, und jeder wollte immer den andern übertrumpfen.

Mit Parsons Reise verhielt es sich so: Als er eben die Postmeisterstelle gekriegt hatte und noch ein ganz grüner Neuling war, da kam eines schönes Tages ein Brief für jemand, den er nicht kannte, denn einen Mann mit solchem Namen gab’s im Städtchen überhaupt nicht. Er wußte denn nun absolut nicht, was er anfangen sollte, und so lag denn der Brief da, von einer Woche zur andern, bis der bloße Anblick dem Postmeister übel machte. Das Porto für den Brief war nicht bezahlt und das war ebenfalls ein Grund zu Sorgen. Wie sollte er denn nur die 10 Cents einziehen? Und dann, wer konnt’s wissen, vielleicht machte die Regierung ihn verantwortlich dafür und setzte ihn ab, weil er das Strafporto nicht eingezogen hatte …