Zuletzt konnte er’s einfach nicht länger aushalten; er konnte nachts nicht mehr schlafen, konnte nicht mehr essen und war zu einem Schatten abgemagert. Trotzdem wagte er’s nicht, jemand um Rat zu fragen; denn der Ratgeber konnte ja womöglich hinterlistig sein und der Regierung die Geschichte von dem Brief mitteilen. Er hatte den Brief unter dem Fußboden versteckt, aber auch das half nichts. Wenn zufällig mal jemand auf der betreffenden Stelle stand, so bekam der Postmeister eine Gänsehaut; schwarzer Verdacht bemächtigte sich seiner und er blieb auf, bis die Stadt still und dunkel war; dann schlich er sich an die Stelle und holte den Brief wieder hervor und verbarg ihn an einem andern Platz. Natürlich wurden die Leute scheu und schüttelten die Köpfe und flüsterten allerlei, denn aus seinen Blicken und Bewegungen schlossen sie, er hätte einen Menschen totgeschlagen oder sonst irgend was Fürchterliches begangen – und wäre er ein Fremder gewesen, so hätte man ihn gelyncht.
Also, wie gesagt, er konnte es nicht länger aushalten, und so beschloß er denn in seinem Sinn, er wollte nach Washington machen und geraden Wegs zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gehen und frei von der Leber weg sprechen und den Brief herausholen und ihn vor der ganzen Regierung offen hinlegen und sagen:
»So! da ist er! Machen Sie mit mir, was Sie wollen. Aber der Himmel ist mein Zeuge: ich bin unschuldig und verdiene nicht die volle Schwere der gesetzlichen Strafe, und ich lasse eine Familie zurück, die ohne mich Hunger leiden muß und doch gar nichts mit der Geschichte zu tun gehabt hat. Und das ist die reine Wahrheit und darauf kann ich einen Eid leisten!«
Gedacht, getan. Er fuhr ein Stückchen mit dem Dampfer und ein Stückchen mit der Postkutsche, aber den ganzen übrigen Teil der Reise machte er zu Pferde, und er brauchte drei Wochen bis Washington. Er sah viele Länder und unzählige Dörfer und vier große Städte. Acht Wochen lang war er fort und nie zuvor war in unserem Städtchen[2] ein Mann so stolz wie er, als er nun wieder daheim war. Durch seine Reisen war er der größte Mann in der ganzen Gegend geworden; von keinem hatte man je so viel gesprochen; dreißig Meilen weit kamen die Leute angereist, ja sogar von Illinois her, bloß um ihn zu sehen – und da standen sie dann und glotzten ihn an und er plapperte. So was war noch niemals dagewesen.
[2] Hannibal am Mississippi.
Nun war denn natürlich die Frage, wer der größte Reisende sei: Nat oder Tom. Einigkeit war darüber nicht zu erzielen; die einen sagten, Nat wäre es, die anderen schworen auf Tom. Jedermann gab zu, daß Nat dem jüngeren Nebenbuhler in der Länge der Reise über war, aber dafür war Tom denn doch in einem ganz anderen Klima gewesen. Die Wage hielt so ziemlich das Gleichgewicht. Jeder von den beiden mußte deshalb seine gefährlichsten Abenteuer in die Wagschale werfen. Die Kugel in Toms Bein war für Nat sozusagen eine harte Nuß zu knacken, aber Nat knackte, so gut er konnte. Er war jedoch dabei entschieden im Nachteil, denn Tom saß nicht still, wie er eigentlich hätte tun sollen, sondern er hinkte fortwährend im Zimmer herum, während Nat das Abenteuer ausmalte, das er seiner Zeit in Washington gehabt hatte. Tom hinkte nämlich noch, als seine Wunde schon längst wieder heil war; er übte sich nachts in seiner Schlafstube im Hinken und konnte es daher natürlich großartig.
Mit Nats Abenteuer nun verhielt es sich folgendermaßen: Ob die Geschichte ganz wahr ist, das weiß ich nicht; vielleicht hatte er sie in einer Zeitung gelesen oder sonstwo aufgeschnappt; aber das muß ich sagen: er verstand sie zu erzählen! Es schauerte einem durch alle Glieder und der Atem stand einem still, wenn er sie vortrug, und Frauen und Mädchen wurden manchmal so blaß und schwach dabei, daß sie gar nicht mehr wußten, wo sie hin sollten. So gut ich’s vermag, will ich ihm die Geschichte nacherzählen:
Er kommt also nach Washington und stellt sein Pferd ein und holt seinen Brief heraus und fragt nach dem Weg zu des Präsidenten Haus. Man sagt ihm, der Präsident sei auf dem Kapitol und wolle nach Philadelphia reisen – keine Minute sei zu verlieren, wenn er ihn noch sprechen wolle. Nat fiel beinahe in Ohnmacht, so schlecht wurde ihm zumute. Sein Pferd stand abgesattelt im Stall; was sollte er nun bloß anfangen? Aber gerade in dem Augenblick kommt ein Nigger mit seiner alten rumpligen Droschke vorbeigefahren. Sofort erfaßt Nat die Situation; er stürzt auf die Straße und schreit:
»’nen halben Dollar, wenn du mich in ’ner halben Stunde nach dem Kapitol fährst, und ’n viertel extra, wenn du’s in zwanzig Minuten machst!«
»Schön!« sagt der Nigger.