Nat also springt in die Droschke und schmeißt den Schlag zu, und los geht’s holterdipolter über das fürchterlichste Pflaster, das man sich denken kann, und das Gerumpel und Geratter war geradezu schauerlich. Nat steckt die Arme durch die Halteriemen und hält sich aus Leibeskräften fest, aber nicht lange, da stößt die Karre an einen großen Stein, und fliegt, hops!, hoch in die Luft empor und der Boden fällt heraus, und als die Droschke wieder unten ist, da sind Nats Füße auf dem Grund und er sieht sofort, daß er in verzweifelter Lage ist, wenn er nicht so schnell laufen kann, wie die Droschke fährt. Er hatte einen fürchterlichen Schreck bekommen, aber er ging mit aller Macht ins Zeug und hielt sich an den Armriemen und streckte die Beine, daß es eine Art hatte. Er schrie und rief dem Kutscher zu, er sollte halten, und alle Menschen auf der Straße schrieen ebenfalls, denn sie sahen unter dem Wagen seine dünnen Beine entlang wirbeln und durch die Fenster seinen Kopf und seine Schultern immer auf und nieder fahren, und merkten, daß er in fürchterlicher Gefahr war. Aber je mehr sie riefen, desto lauter kreischte und gröhlte der Nigger und hieb auf die Pferde los und rief: »Habben keine Bange nich der Herr; gemachen muß es werden und ich machen’s!«

Denn natürlich dachte er, sie wollten ihn zum Schnellfahren antreiben, und von Nats Rufen konnte er vor dem Geratter nichts hören. Und so ging es denn, hast du nicht gesehen, immer weiter, und den Leuten, die es sahen, standen die Haare zu Berge. Und als sie schließlich beim Kapitol ankamen, da war’s die schnellste Fuhre, die je ’ne Droschke gemacht hat, das sagten alle. Die Pferde waren ganz matt und Nat troff vor Schweiß und war wie gerädert, und er war voll Staub, die Kleider hingen in Fetzen an seinem Leibe und seine Stiefel hatte er verloren. Aber er war zur rechten Zeit da, und zwar gerade noch im allerletzten Augenblick. Er kam vor den Präsidenten und gab ihm den Brief und alles war in schönster Ordnung. Der Präsident begnadigte ihn auf der Stelle und Nat gab dem Nigger drei Vierteldollars extra statt nur eines; denn das sah er ja ein, hätte er nicht die Droschke gehabt, so hätte er auch nicht annähernd zur rechten Zeit kommen können.

Es war tatsächlich ein großes Abenteuer, und Tom Sawyer mußte sich alle Mühe geben, um mit seiner Kugelwunde dagegen aufzukommen.

Nun, wie’s so geht, nach und nach verblaßte Toms Ruhmesglanz, denn es kamen andere Gesprächsstoffe auf, worüber die Leute schwatzen konnten: erst ein Wettrennen, und dann eine Feuersbrunst, und dann der Zirkus, und darauf die Sonnenfinsternis; und diese brachte dann, wie es meistens der Fall ist, eine Wiederbelebung der Frömmigkeit zuwege, und so war denn von Tom nicht mehr viel die Rede, und das machte ihn ganz krank und vergällte ihm alle Freude am Leben.

Es dauerte nicht lange, so war er den ganzen Tag verdrießlich und reizbar und wenn ich ihn fragte, warum er denn nur in solcher Stimmung sei, dann antwortete er, es bräche ihm beinahe das Herz, wenn er daran dächte, wie die Zeit verränne und daß er immer älter und älter würde, ohne daß ein Krieg ausbräche und er auch nur die geringste Menschenmöglichkeit sähe, sich einen Namen zu machen. So denken ja nun freilich alle Jungen, aber er war der erste, den ich diese Gedanken frei und offen aussprechen hörte. Er sann also Tag und Nacht auf einen Plan, wie er berühmt werden könnte. Bald hatte er denn auch einen und er bot Jim und mir an, an seinem Ruhme teil zu nehmen. In dieser Hinsicht war Tom Sawyer immer edelmütig. Viele Jungen sind über die Maßen gut und freundlich, wenn einer was Gutes hat, aber wenn sie selber mal was Gutes kriegen, dann sagen sie einem kein Wort davon und versuchen es für sich allein zu behalten. So war Tom Sawyer niemals, das kann ich ihm wohl nachsagen. Viele Jungen schlängeln sich an einen heran, wenn man einen Apfel hat und bitten einen um das Kernhaus. Aber wenn sie dann selber einen haben, und man bittet sie um’s Kernhaus und erinnert sie daran, daß man ihnen auch ’mal ein Kernhaus gegeben hat – jawohl, da heißt’s ›Prost die Mahlzeit‹, aber vom Kernhaus sieht man nichts. Da kann man sich den Mund wischen.

Wir gingen in das Gehölz auf dem Berg, und Tom sagte uns, was es war. Es war ein Kreuzzug.

»Was ist ein Kreuzzug?« fragte ich.

Tom sah mich geringschätzig an, wie er’s immer tut, wenn ihm jemand leid tut. Dann sagte er:

»Huck Finn, du willst doch nicht behaupten, daß du nicht weißt, was ein Kreuzzug ist?«

»Nee,« sag’ ich, »ich weiß es nicht. Und ich mache mir auch nichts daraus. Ich habe so lange gelebt und bin gesund gewesen, ohne es zu wissen. Aber so bald du mir es sagst, was es ist, dann weiß ich’s ja, und das ist früh genug. Ich sehe nicht ein, wozu ich mir Sachen austifteln und mir meinen Kopf damit vollpfropfen soll, wenn ich vielleicht niemals ’ne Gelegenheit habe, davon Gebrauch zu machen. Na, was ist denn also ein Kreuzzug? Aber eins kann ich dir zum Voraus sagen: wenn’s was zum Patentieren ist, da ist kein Geld mit zu machen. Bill Tompson …«