Tom ließ sein Kinn auf die Brust sinken; aber er wurde nicht wild, wie ich gedacht hatte, als er mich seine Geschichte tadeln hörte, sondern er wurde bloß traurig und sagte:
»Es gibt Leute, die sehen können, und es gibt welche, die’s nicht können – gerade wie der Mann in der Geschichte sagte. Da könnte ’ne Windhose vorbeikommen geschweige denn ein Kamel – ihr Dämelsäcke würdet keine Spur davon sehen!«
Was er damit sagen wollte, weiß ich nicht und erklären tat er seine Worte nicht; es war wohl eine von seinen ›Irrulevanzen‹, wie er die Dinger selber nannte – manchmal war er ganz voll von denen, nämlich besonders, wenn er in die Enge getrieben war und nicht wußte, wie er wieder ’rauskommen sollte. Aber ich machte mir weiter nichts draus. Wir hatten ihm einen aufgemutzt und der hatte gesessen – davon konnte er nichts abstreiten. Und ich glaube, das wurmte ihn, obwohl er sich Mühe gab, sich nichts merken zu lassen.
Achtes Kapitel.
Zeitig am Morgen frühstückten wir etwas; dann guckten wir wieder auf die Wüste ’runter und das Wetter blieb fortwährend so mollig und warm, aber nicht heiß, obwohl wir nicht sehr hoch über der Erde schwebten. Nach Sonnenuntergang muß man nämlich immer tiefer herabsteigen, weil die Luft sich so schnell abkühlt; und so streicht man denn um die Zeit der Morgendämmerung ganz dicht über den Sand weg.
Wir sahen zu, wie der Schatten unseres Ballons über den Boden hinglitt, und ließen dann und wann mal die Blicke über die Wüste streifen, ob sich nicht irgendwo was regte – da sahen wir plötzlich unmittelbar unter uns eine Menge Menschen und Kamele auf dem Sande verstreut herumliegen. Und sie lagen so ruhig, wie wenn sie schliefen.
Wir stellten die Bewegungskraft unseres Luftschiffs ab und hielten still, und da sahen wir, daß sie alle tot waren. Ein kalter Schauer überlief uns, wir wurden ganz kleinlaut und sprachen leise wie Leute bei ’nem Leichenbegängnis. Langsam ließen wir unser Schiff zur Erde nieder und hielten still; Tom und ich stiegen aus und gingen zu den Toten. Es waren Männer, Weiber und Kinder. Sie waren von der Sonne gedörrt und die Haut war zusammengeschrumpft und sah aus wie Leder – genau wie die Abbildungen von Mumien, die man in den Büchern sieht. Und trotzdem sahen sie ganz menschlich aus, wie wenn sie nur schliefen – wenn ich’s nicht selber gesehen hätte, ich würde es nicht glauben.
Einige von den Menschen und Tieren waren zum Teil mit Sand bedeckt, die meisten aber nicht, denn der Sand bildete an jener Stelle nur eine dünne Schicht über felsigem Erdreich. Die Kleider waren ihnen fast gänzlich vom Leibe gefault; wenn man ein Stück Zeug anfaßte, blieb es einem zwischen den Fingern wie Spinnewebe. Tom meinte, sie müßten schon jahrelang dagelegen sein.
Den Männern lagen zum Teil rostige Flinten zur Seite; andere waren mit Schwertern umgürtet und hatten lange Binden um den Leib gewickelt, in denen große silberbeschlagene Pistolen staken. Alle Kamele trugen noch ihre Lasten auf dem Rücken, aber die Bündel waren geborsten oder zerfallen und ihr Inhalt hatte sich über den Boden ergossen. Uns dünkte, die Toten könnten mit ihren Säbeln ja doch nichts mehr anfangen; deshalb nahm jeder von uns einen zu sich, dazu auch mehrere Pistolen. Auch nahmen wir ein kleines Kästchen, weil es so hübsch und mit so feiner Arbeit eingelegt war. Gern hätten wir dann die Leute begraben; aber obwohl wir lange darüber nachdachten, wollte uns nicht einfallen, wie wir das bewerkstelligen könnten, denn wir hatten bloß Sand zur Verfügung, und der wäre natürlich sofort wieder auseinandergefegt worden.