Hierauf stiegen wir wieder in die Lüfte empor und segelten weiter, und gar bald war der schwarze Fleck auf dem Land außer Sicht und wir dachten, die armen Menschen da unten würden wir auf dieser Welt wohl niemals wiedersehen. Wir stellten allerlei Mutmaßungen auf, wie sie wohl an jene Stelle in der Wüste gekommen wären und was ihnen alles passiert sein könnte, aber wir wußten nicht, was wir daraus machen sollten. Zuerst dachten wir, vielleicht hätten sie sich verirrt und wären in der Wüste herumgezogen, bis ihr Essen und Trinken ihnen ausgegangen und sie verhungert und verdurstet wären; aber Tom sagte, weder wilde Tiere noch Geier hätten ihre Leichen angerührt, und deshalb könnte diese Vermutung nicht richtig sein. Schließlich gaben wir’s auf, uns den Kopf darüber zu zerbrechen, und nahmen uns vor, gar nicht mehr daran zu denken, denn es versetzte uns in eine traurige Stimmung.
Dann öffneten wir das Kästchen: Edelsteine und Schmucksachen waren darin – ein ganzer Haufen! Dazu auch mehrere kleine Schleier von derselben Art, wie wir sie an den toten Frauen bemerkt hatten; die Säume dieser Schleier waren mit sonderbaren Goldmünzen besetzt, wie wir sie nie in unserem Leben gesehen hatten. Wir überlegten voller Erstaunen, ob wir nicht lieber wieder umkehren und die Kostbarkeiten zurückgeben sollten; Tom bedachte sich aber die Sache noch einmal und sagte: nein! Die ganze Gegend wäre voll von Räubern und die würden die Sachen stehlen; und dann würde die Sünde auf uns fallen, weil wir sie in Versuchung gebracht hätten. So segelten wir denn weiter; ich dachte aber bei mir selber, am besten wär’s gewesen, wir hätten den Toten alles abgenommen, was sie bei sich hatten; denn dann wäre es überhaupt nicht mehr möglich gewesen, daß andere Leute in Versuchung kamen.
Wir waren da unten zwei Stunden lang in der sengenden Hitze gewesen und hatten einen fürchterlichen Durst, als wir wieder an Bord gingen. Wir stürzten uns auf unser Wasserfaß, aber das Wasser war schlecht geworden und bitter und außerdem recht hübsch heiß, so daß es uns beinahe den Mund verbrannte. Wir konnten es nicht trinken. Es war Mississippiwasser – ›das beste der Welt‹ – und wir rührten den Bodensatz auf, um mal zu sehen, ob das nicht vielleicht hülfe – aber nein, der Schlamm machte das Wasser auch nicht besser!
Na, so übermäßig durstig waren wir vorher, solange uns das Schicksal jener verirrten Menschen interessierte, eigentlich nicht gewesen – aber nun waren wir’s, und sobald wir sahen, daß wir nichts zu trinken haben konnten, da waren wir fünfunddreißigmal so durstig als ’ne Viertelminute zuvor. Wahrhaftig, es dauerte nicht lange, so sperrten wir vor Durst den Mund auf und keuchten wie Hunde.
Tom sagte, wir müßten nur nach allen Himmelsrichtungen recht scharfen Ausguck halten, denn jedenfalls würden wir ’ne Oase finden oder es würde uns sonst irgendwas Merkwürdiges passieren. Das taten wir denn auch. Die ganze Zeit bestrichen wir mit den Ferngläsern den Horizont, bis unsere Arme so lahm waren, daß wir die Dinger nicht mehr halten konnten. So vergingen zwei Stunden – drei Stunden – wir guckten und guckten: aber da war nichts als Sand, Sand, Sand, und der flimmernde heiße Dunst zitterte über dem Erdboden. O je, o je! was es heißt, sich so recht hundeelend zu fühlen, das weiß man erst, wenn man fortwährend einen fürchterlichen Durst hat und dabei denkt, man wird überhaupt niemals mehr Wasser zu sehen kriegen. Zuletzt konnte ich’s nicht mehr aushalten, immerzu auf diese backofenheiße Ebene zu gucken; ich gab es auf und streckte mich auf der Bank aus.
Auf einmal aber stößt Tom ’nen Jauchzer aus – und richtig, da war das Wasser! Ein großer glänzender See, von schläfrig wiegenden Palmen umsäumt, die sich ganz wunderbar zart und fein im Wasser spiegelten. Es war eine tüchtige Entfernung bis zu dem See; aber was machte das uns aus? Wir zogen einfach den Knopf der Hundertmeilengeschwindigkeit, sodaß wir nach unserer Berechnung in sieben Minuten dort sein mußten. Der See blieb aber immerzu in derselben Entfernung; wir vermochten ihm nicht um Haaresbreite näherzukommen; auf mein Wort: er blieb immer glänzend und fern vor uns liegen wie ein Traumbild. Aber näher kamen wir nicht; und auf einmal – war der See verschwunden!
Tom riß die Augen ganz weit auf und rief:
»Jungens, es war ’ne Fata Morgana!«