O, wie rannten wir! Wir hielten uns nicht mal damit auf, unsere Kleider aufzunehmen, sondern walzten, hast du nicht gesehen!, auf die Strickleiter los. Jim verlor völlig den Kopf – das geht ihm nämlich immer so, wenn er in Aufregung und Angst gerät. Anstatt den Ballon ein kleines bißchen höher steigen zu lassen, so daß die Bestien die Leiter nicht mehr erreichen konnten, ließ er die ganze Kraft los, und hoch in den Himmel sausten wir hinauf, an unserer Strickleiter baumelnd! Zum Glück merkte er sofort, was für einen Unsinn er gemacht hatte. Er stoppte also ab; nun hatte er aber völlig vergessen, was er zunächst zu tun hatte – und da hingen wir denn oben in der Luft, so hoch, daß die Löwen wie Schoßhündchen aussahen, und trieben vor dem Winde.
Aber Tom kletterte an Bord, stellte den Steuerapparat wieder richtig und ließ den Ballon langsam zur Erde hinunter und zwar wieder nach dem See zurück, wo ’ne Menge Bestien versammelt waren, wie wenn sie da Biwak halten wollten. Ich dachte, er hätte gerade wie Jim seinen Kopf verloren, denn er wußte doch, daß ich vor Angst nicht die Strickleiter ’raufklettern konnte. Er wollte mich doch nicht etwa mitten zwischen den Löwen und Tigern auf den Erdboden setzen?
Aber nein – in seinem Kopf war alles richtig, er wußte ganz genau, was er wollte. Er ließ den Ballon nieder, bis er ungefähr dreißig oder vierzig Fuß über dem Wasserspiegel schwebte und genau über der Mitte hielt er still und rief:
»Laß los und hops’ hinein!«
Das tat ich; mit den Füßen voran schoß ich ins Wasser, und es kam mir vor, als tauchte ich ’ne Meile, bis ich auf den Grund kam; und als ich wieder nach oben kam, sagte Tom:
»Nun leg’ dich auf den Rücken und laß dich treiben, bis du dich ausgeruht und wieder deine ganze Schneid beisammen hast; dann will ich die Leiter bis ins Wasser ’runterlassen, und du kannst an Bord klettern.«
So machte ich es denn. Na, und diese Strategik war riesig schlau von Tom; denn wenn er nach irgend ’ner anderen Stelle gesegelt wäre und mich da auf den Sand gesetzt hätte, so wäre die ganze Menagerie ebenfalls dahin gelaufen, und so hätten sie uns vielleicht nach einer sicheren Stelle herumsuchen lassen, bis ich schließlich schwindlig geworden und von der Leiter gefallen wäre.
Und während dieser ganzen Zeit stritten die Löwen und Tiger sich um unsere Kleider, und versuchten sich so darin zu teilen, daß jeder von ihnen etwas kriegte; aber es gab fortwährend Meinungsverschiedenheiten unter ihnen, indem alle Augenblicke irgend eine Bestie sich mehr anzueignen versuchte, als auf ihren Anteil kam. Es dauerte nicht lange, so gab es wieder Aufruhr, und so etwas wie diesen Anblick hat die Welt noch nicht erlebt! Es müssen ihrer ein Stücker fünfzig gewesen sein, alle in einem wilden Kuddelmuddel, fauchend, brüllend, schnappend, beißend, kratzend – Beine und Schwänze hoch in die Luft, und man konnte die einzelnen Biester nicht mehr unterscheiden, und rings um sie herum stoben Haare und Sand. Und als sie fertig waren, da lagen mehrere tot da, andere humpelten verwundet davon und die übrigen saßen auf dem Schlachtfeld ’rum. Die einen beleckten ihre Wunden, die anderen guckten zu uns empor, als ob sie uns einladen wollten, wir möchten doch ’runterkommen und den Spaß ein bißchen mitmachen. Aber wir dankten für den Spaß – wir brauchten keinen.
Von Kleidern war nichts, aber auch rein gar nichts mehr vorhanden. Die Bestien hatten sie bis auf den letzten Fetzen verschlungen; und ich glaube, sie dürften ihnen nicht sonderlich gut bekommen sein, denn es waren eine beträchtliche Menge Messingknöpfe dran, und in den Taschen befanden sich Messer, Rauchtabak, Nägel, Kreide, Marmeln, Angelhaken und andere solche Sachen. Aber mir war’s einerlei. Nur das machte mich ein bißchen nachdenklich, daß wir jetzt bloß des Professors Kleider hatten. Die Auswahl war ja allerdings reich genug, aber die einzelnen Stücke waren nicht gerade danach gemacht, um mit ihnen in Gesellschaft zu gehen – für den Fall, daß wir einer begegnet wären. Denn die Hosen waren so lang wie Eisenbahntunnel und die Röcke usw. dementsprechend. Schließlich brauchten wir aber doch bloß ’nen Schneider, um das alles in Ordnung zu bringen, und Jim hatte so ’nen kleinen Begriff von der Schneiderkunst, und er sagte, er könnte uns wohl ein paar Anzüge zurecht machen, die uns einstweilen genügen würden.