»Nein, das tun sie nicht.«

»Natürlich tu’ sie nix! Un so is es klar, daß Sie sich tun irren, Massa Tom! Sie nehm’ doch ganz gewiß nix Gebühr von armselige Sand, die keine Mensch zu haben brauchen un lassen die beste Ding, wo niemand ohne sein können, frei von die Gebühr!«

Da saß Tom Sawyer fest! Er sah auch wohl selber ein, daß Jim ihn gefaßt hatte und daß er sich nicht rühren konnte. Allerdings versuchte er sich herauszuwinden, indem er sagte, sie hätten bloß vergessen, auch darauf eine Abgabe zu legen, aber ganz gewiß würden sie bei der nächsten Kongreßtagung daran denken und sie nachträglich einführen – aber das war nur eine armselige lahme Ausrede, und Tom wußte es ganz gut. Er sagte, es gäbe außer diesem einzigen nichts Ausländisches, was nicht mit ’ner Zollgebühr belegt wäre, und darum müßten sie diese Abgabe ebenfalls festsetzen, denn sonst wären sie nicht konsistent oder konsequent, und Konsistenz wäre die erste Regel in der Politik. Er blieb dabei, sie hätten’s bloß aus Versehen ausgelassen und würden sich ganz gewiß beeilen, dies Versehen wieder gut zu machen, ehe man sie darob ertappte und auslachte.

Aber ich hatte für seine Auseinandersetzungen kein Interesse mehr, da wir nun doch mal mit unserem Sand nichts mehr anfangen konnten; denn das machte mich ganz niedergeschlagen und Jim auch. Tom versuchte uns wieder aufzuheitern, indem er sagte, er wollte eine andere Spekulation ausdenken, die für uns gerade so gut und noch besser wäre – aber das half nichts, denn wir konnten nicht glauben, daß irgend eine andere so großartig sein könnte. Es war wirklich sehr hart für uns: vor einer ganz kleinen Weile noch waren wir so reich, hätten uns ein ganzes Land kaufen und ’n Königreich drin einrichten können – und jetzt waren wir wieder so arm und so ordinär und saßen da mit all unserm Sand. Vorher hatte der Sand so reizend ausgesehen, wie lauter Gold und Diamanten, und er war so weich und so seidig und so angenehm anzufühlen gewesen – aber jetzt konnte ich nicht mal seinen Anblick mehr ertragen; es machte mich ganz krank, ihn bloß zu sehen, und ich wußte, mir würde nicht eher wieder wohl sein, als bis wir den Krempel los wären, der uns fortwährend daran erinnerte, was wir hätten sein können und nun nicht mehr waren. Den andern beiden war ganz genau so zumute wie mir. Das merkte ich ihnen an und sie wurden auf einmal ganz lustig, als ich ihnen sagte: »Laßt uns das ganze Zeug über Bord werfen!«

Na, das war ja nun ’ne ganz tüchtige Arbeit, und darum teilte Tom sie im Verhältnis zu unserer verschiedenen Stärke ein. Er sagte, er und ich sollten jeder ein Fünftel von dem Sand über Bord schaffen und Jim die andern drei Fünftel. Dem Jim gefiel diese Einteilung aber nicht recht und er sagte:

»Natürlich sein ich die Stärkste un will auch meine Teil größer mach’ – abber bei Jingo: Sie lad’ ein bissel zu viel auf alte Jims Buckel – tu’ Sie nix, Massa Tom?«

»Na, das glaub’ ich eigentlich nicht, Jim; aber du kannst ja selber sagen, wie die Arbeit verteilt werden soll und nachher können wir dann sehen.«

Jim meinte nun, es sei nicht mehr als recht und billig, wenn Tom und ich jeder ein Zehntel von der Arbeit täten. Tom drehte sich um und verzog seinen Mund zu einem Grinsen, das sich nach Westen zu über die ganze Sahara bis an den Atlantischen Ozean erstreckte. Dann wandte er sich wieder zu Jim und sagte, die Einteilung sei ganz schön und gut und er sei ganz damit einverstanden, wenn sie Jim ebenfalls recht sei. Jim war sie recht.

So maß denn Tom unsere zwei Zehntel im Bug des Schiffes ab und den Rest bekam Jim. Und es überraschte den guten Jim sehr als er sah, wie groß der Unterschied war und was für eine fürchterliche Menge Sand auf seinen Anteil kam. Er sagte, er sei doch mächtig froh, daß er zur rechten Zeit den Mund aufgetan habe, und daß der erste Vorschlag abgeändert worden sei; denn selbst so wie’s jetzt sei, meinte er, möchte auf seinen Teil wohl mehr Sand als Vergnügen kommen.

Dann fingen wir an. Es war ’ne mächtig heiße Arbeit und dazu sehr langwierig; sie war tatsächlich so heiß, daß wir zu ’ner kühleren Luftschicht aufsteigen mußten, sonst hätten wir’s einfach nicht aushalten können. Tom und ich lösten uns ab, und der eine ruhte sich immer aus, während der andere arbeitete, aber niemand war da, um den armen Jim abzulösen, und er machte diesen ganzen Teil von Afrika naß, so schwitzte er. Wir konnten nicht recht arbeiten, weil wir fortwährend lachen mußten, und Jim wollte immerzu wissen, warum wir alle Augenblicke laut herausprusteten. Da mußten wir denn irgend einen Vorwand ersinnen, und unsere Vorwände waren wirklich recht kümmerlich, aber schließlich genügten sie, denn Jim glaubte uns. Als wir endlich mit unserem Teil fertig waren, da waren wir halb tot, aber nicht von der Arbeit, sondern vom Lachen. Jim war beinahe ganz tot, aber von der Arbeit; da lösten wir ihn denn abwechselnd ab, und er war uns dafür so dankbar, wie wir nur wünschen konnten; er setzte sich aufs Dollbord und trocknete sich den Schweiß ab und keuchte und schnaufte und sagte, wie gut wir doch zu ’nem armen alten Nigger wären und er wollt’s uns nie vergessen. Er war immer der dankbarste Nigger, den ich je gesehen habe, mochte man ihm auch nur die geringste Gefälligkeit erwiesen haben. Nigger war er überhaupt nur äußerlich – innerlich war er so weiß wie du und ich.