Zwölftes Kapitel.
Unsere nächsten Mahlzeiten waren recht sandig, aber das macht nichts aus, wenn man hungrig ist; und wenn man nicht hungrig ist, so hat man ja vom Essen doch keinen Genuß und nach meiner Meinung kommt’s auf so’n kleines Sandkörnchen im Essen überhaupt nicht an.
Endlich kamen wir an den Ostrand der großen Wüste, indem wir einen nordöstlichen Kurs einhielten. Fern am Rande des Sandes, in einem zarten rosenroten Licht, sahen wir drei kleine scharfe Dächer wie Zelte sich abheben und Tom sagte: »Das sind die ägyptischen Pyramiden!«
Da fing aber mein Herz an zu puppern! Ich hatte ja so manches, manches Bild von ihnen gesehen und hatte hundertmal von ihnen erzählen hören – aber als ich sie so ganz plötzlich vor mir sah und fand, daß sie wirklich existierten und nicht bloß in der Phantasie, da stand mir vor Ueberraschung beinahe der Atem still. Es ist sonderbar – je mehr man von ’nem großartigen Ding oder Menschen hört, desto mehr nimmt es sozusagen was Traumhaftes an und wird schließlich zu ’ner übergroßen verschwommenen Figur aus lauter Mondschein, aber ohne ’nen soliden Inhalt. Gerade so ist’s mit George Washington – und so ist’s auch mit den Pyramiden.
Außerdem war es mir immer so vorgekommen, als ob die Geschichten, die man von den Pyramiden erzählte, zum größten Teil ganz gewaltige Uebertreibungen seien. Da war mal einer, der kam zu uns in die Sonntagsschule und hatte ein Bild von ihnen und hielt ’ne Rede drüber und sagte, die größte Pyramide bedeckte eine Fläche von dreizehn Morgen und wäre beinahe fünfhundert Fuß hoch; sie wäre ein richtiger steiler Berg, aufgebaut aus lauter Steinblöcken, die so groß wären wie ’ne Kommode und in regelmäßigen Reihen lägen wie Treppenstufen. Na, dreizehn Morgen für ein einziges Gebäude – das ist ja ’ne Farm! Wär’ ich nicht in der Sonntagsschule gewesen, so hätte ich die Geschichte für ’ne Lüge gehalten; und sobald ich draußen war, hielt ich sie auch wirklich dafür. Und er sagte, in der Pyramide wäre ein Loch und man könnte mit Fackeln da hineingehen und dann immer einen langen schrägen Tunnel hinauf, bis man schließlich zu einem großen Raum mitten im Bauch dieses Berges käme und da fände man einen großen Steinkasten mit ’nem König drin – und der wär’ viertausend Jahre alt! Als ich das hörte, sagte ich bei mir selber: wenn das keine Lüge ist, will ich den König sehen, d. h. wenn er da ist; denn so alt war ja nicht mal Methusalem, und kein Mensch denkt daran, viertausend Jahre alt werden zu wollen.
Als wir ein bißchen näher herankamen, sahen wir auf einmal den gelben Sand mit einem langen graden Rand aufhören – ganz scharf abgeschnitten wie ein großes Tuch – und mit dem Rand an diesen Sand anstoßend ein weites Land von hellem Grün, durch das ein langer heller Streifen sich in Schlangenwindungen hindurchzog, und Tom sagte, das sei der Nil. Da fing mein Herz wieder an zu puppern, denn der Nil war auch so ein Ding, das ich eigentlich nie für Wirklichkeit gehalten hatte. Nun, so viel ist todsicher: wenn man über dreitausend Meilen gelben Sandes weggegondelt ist, wenn dieser Sand so von Hitze flimmert, daß einem vom bloßen Hinsehen das Wasser aus den Augen läuft, und wenn man beinahe ’ne ganze Woche über diesem Sand war – dann wird einem das grüne Land wie Heimat und Himmel erscheinen und es wird einem wieder das Wasser aus den Augen laufen.
So ging es mir und so ging’s auch Jim.
Und als Jim merkte, daß er wirklich auf Aegyptenland ’runterguckte, da wollte er nicht stehend in dieses Land hineinsegeln, sondern er warf sich auf seine Kniee und nahm den Hut ab, denn für einen armen alten Nigger, sagte er, schicke es sich nicht, anders in ein Land zu kommen, wo Moses und Joseph und Pharao und die andern Propheten gelebt hätten. Jim war Presbyterianer und hatte einen sehr tiefen Respekt vor Moses, der, wie er sagte, ebenfalls ein Presbyterianer gewesen war. Er war ganz aus dem Häuschen und rief: