»Das is die Aegyptenland, die Aegyptenland! – un ich dürfen sie mit meine eigene Augen ansehn! Un da is die Fluß, das zu Blut wurden, un ich sehen auf dieselbige Stellen ’runter, wo die Pest un die Läusen un die Froschen un die Hauschrecken un die Hagel gewesen sein tun – un wo die Türpfosten gezeichnet war un die Engel des Herrn kam un schlugen allen Erstgeburt in ganze Aegyptenland. Alte Jim is nix würdig, diesen Tag zu sehn!«

Und dann warf er sich hin und weinte vor lauter Dankbarkeit. Da gab es denn zwischen ihm und Tom ein langes Gespräch: Jim war aufgeregt, weil das Land so voll von Weltgeschichte war: von Joseph und seinen Brüdern, von Moses in den Binsen, von Jakob, der nach Aegypten kam, um Korn zu kaufen, vom silbernen Becher im Sack und von all den anderen interessanten Sachen. Und Tom war gerade so aufgeregt, weil das Land so voll von Weltgeschichte war, die in sein Fach schlug: von Nurreddin und Bedreddin und ähnlichen ungeheuren Riesen, bei deren Beschreibung Jims Wollhaar zu Berge stand, und von ’ner ganzen Menge anderer Leute aus Tausend und einer Nacht, die nach meiner Meinung nicht die Hälfte von all dem getan haben, was sie getan haben wollen!

Dann erlebten wir eine Enttäuschung, denn es erhob sich ein Frühnebel und wir durften nicht über ihn hinwegsegeln, weil wir sonst gewiß auch über ganz Aegypten weggesegelt wären. Wir hielten’s daher für das beste, nach dem Kompaß in geradem Kurs auf die inzwischen immer mehr im Dunst verschwindenden Pyramiden zuzuhalten, so dicht wie möglich über dem Boden hinzufahren und scharf Ausguck zu halten. Tom nahm das Steuer, ich stand neben ihm, um, wenn’s nötig wäre, den Anker auszuwerfen, und Jim hockte auf dem Bug, um mit den Augen durch den Nebel zu bohren und etwaige Gefahren rechtzeitig zu bemerken. Wir fuhren ein stetiges Tempo, aber nicht sehr schnell, und der Nebel wurde dicker und dicker – so dick zuletzt, daß von Jim nur noch schwache Umrisse zu erkennen waren. Es war beängstigend still und wir sprachen leise und waren aufgeregt. Ab und zu rief Jim:

»Eine Strich höcher ’rauf, Massa Tom, eine Strich höcher!« und dann ließ Tom das Schiff ein paar Fuß höher steigen, und wir fuhren scharf über das flache Dach einer Lehmhütte weg und über die Leute, die gerade eben aufgestanden waren und noch gähnten und sich streckten. Einmal hatte ein Bursche sich auf seinen Hinterbeinen so recht hoch aufgerichtet, um besser gähnen und sich strecken zu können; der bekam von unserer Gondel einen Puff in den Rücken, daß er auf den Bauch fiel. So verging ungefähr eine Stunde; alles war totenstill und wir spitzten unsere Ohren und hielten den Atem an, damit uns kein Laut entginge; da, ganz auf einmal wurde der Nebel ein bißchen dünner, und Jim schrie in fürchterlicher Angst:

»O, um die liebe Heiland willen, steuer Sie rückwärts, Massa Tom! Hier is die größte Riese aus die Tausendste Nacht un kommen auf uns los!«

Und damit fiel er rücklings in die Gondel hinein.

Tom stürzte sich auf einen Hebel und gab dem Schiff Gegenkraft, und als wir infolgedessen plötzlich stillstanden – da guckte ein Menschengesicht so groß wie unser Haus daheim in unsere Gondel und ich fiel um und war tot. Denn ich muß wirklich ’ne Minute lang oder so tot gewesen sein. Schließlich kam ich wieder zu mir und da hatte Tom ’nen Bootshaken in die Unterlippe des Riesen eingehakt und hielt damit den Ballon fest, und dabei hatte er den Kopf hintenübergelegt und sah mit einem langen festen Blick das fürchterliche Riesenantlitz an.

Jim lag auf den Knieen und sah mit gefalteten Händen das Ding an und bewegte betend die Lippen, konnte aber keinen Ton hervorbringen. Ich warf bloß einen Blick auf den Riesenkopf und wollte gerade wieder in Ohnmacht fallen, da sagte Tom: