»Es ist ja gar nicht lebendig, ihr Narren! Es ist die Sphinx.«
Nie hab’ ich Tom so klein gesehen – er sah wahrhaftig nicht größer aus als ’ne Fliege, aber das kam davon, daß der Riesenkopf so schrecklich groß war. Groß und schrecklich, ja, das war er – aber er machte einem doch keine Angst mehr, denn man konnte wohl sehen, daß es ein edles, beinahe trauriges Antlitz war und daß es gar nicht an uns Menschlein dachte, sondern an was Anderes, Größeres. Es war aus Stein, rötlichem Stein, und Nase und Ohren waren verstümmelt, so sah es aus, als ob es mißhandelt sei, und das tat einem unwillkürlich in der Seele weh.
Wir hielten ein Stück von dem Bildwerk ab und segelten rund darum herum und dann darüber weg, und es war einfach großartig. Es war der Kopf eines Mannes oder vielleicht auch einer Frau, auf einem hundertfünfundzwanzig Fuß langen Tigerleib, und zwischen seinen Vorderpranken stand ein süßer kleiner Tempel. Viele hundert Jahre lang – vielleicht Tausende – war das ganze Bildwerk mit Ausnahme des Hauptes unter dem Sand begraben gewesen; aber gerade vor ganz kurzer Zeit hatten sie den Sand weggeräumt und den kleinen Tempel gefunden. Es war jedenfalls ’ne mächtige Masse Sand nötig, um so ’ne Kreatur zu begraben – wohl mindestens so viel wie um ein Dampfschiff zu begraben.
Wir setzten Jim oben auf dem Kopf der Sphinx ab, nachdem wir ihm, da wir im Ausland waren, zum Schutz ’ne amerikanische Flagge gegeben hatten. Dann segelten wir ab und besahen uns das Werk bald aus dieser, bald aus jener Entfernung; das war, wie Tom sagte, nötig, um die richtigen Effekte und Perspektiven und Proportionen herauszukriegen. Und Jim tat wirklich sein Bestes, indem er die allerverschiedensten Stellungen einnahm, die er sich nur ausdenken konnte; am besten gefiel er uns aber, als er auf dem Kopf stand und wie ein Frosch mit den Beinen spaddelte. Je weiter wir wegsegelten, desto kleiner wurde Jim und desto großartiger die Sphinx, bis er zuletzt sozusagen wie ’ne Stecknadel auf einem Dome aussah. Auf diese Weise bringt die Perspektive die richtigen Proportionen zuwege, sagte Tom; er sagte, Cäsars Nigger hätten nicht gewußt, wie groß er war, weil sie zu nahebei gewesen wären.
Dann segelten wir immer weiter und weiter weg, bis wir Jim überhaupt nicht mehr sehen konnten, und da machte die große Figur den edelsten Eindruck – so still und feierlich und einsam blickte sie über das Niltal herüber, und all die schäbigen kleinen Hütten und Menschenwerklein, die rings um sie herum zerstreut waren, sie waren völlig verschwunden und rund um sie herum nur noch eine weiche große Decke von gelbem Sammet, nämlich der Wüstensand.
Das war die richtige Stelle, um Halt zu machen, und das taten wir auch. Eine halbe Stunde lang hielten wir da und guckten und dachten und keiner von uns sagte ein Wort, denn uns wurde so ruhig und feierlich zu Mute, wenn wir daran dachten, daß die Sphinx schon seit Jahrtausenden gerade so über das Tal hinübergeschaut und ihre majestätischen Gedanken so ganz für sich gedacht hatte – ihre Gedanken, von denen kein Mensch sagen kann, was sie sind.
Zuletzt nahm ich das Fernrohr zur Hand und da sah ich mehrere kleine schwarze Dinger auf dem Sammetteppich herumspringen und andere, die auf den Rücken der Sphinx hinaufkletterten, und dann sah ich zwei oder drei weiße Rauchwölkchen aufpuffen, und ich sagte Tom, er möchte auch mal hinsehen. Er tat das und sagte:
»Das sind Käfer. Nein – wart’ mal; sie – wahrhaftig, ich glaube, es sind Menschen. Ja, es sind Menschen – Menschen und auch Pferde. Sie legen gerade ’ne lange Leiter an den Rücken der Sphinx an – ist das aber komisch! Und nun versuchen sie, die Leiter hinaufzuziehen – da sind auch wieder Rauchwölkchen – das sind Flinten! Huck, sie machen Jagd auf Jim!«
Wir ließen die ganze Kraft los und segelten wie das heilige Donnerwetter auf die Sphinx zu. Im Nu waren wir da und sausten mitten unter die Menschen hinein, daß sie nach allen Seiten auseinanderstoben, und ein paar von denen, die die Leiter hinaufkletterten, um Jim zu fangen, verloren den Halt und fielen herunter. Wir sausten hinauf und fanden Jim keuchend und beinahe besinnungslos auf dem Kopf der Sphinx liegen. Er hatte eine lange Belagerung ausgehalten – eine Woche, sagte er, aber das war nicht wahr; sie war ihm nur so lang vorgekommen, weil ihm die Leute so nahe auf den Leib gerückt waren. Sie hatten auf ihn geschossen und der Kugelregen war um ihn herumgerasselt, aber getroffen war er nicht; und als sie merkten, daß er nicht mehr aufstand, und daß ihre Kugeln ihn nicht mehr treffen konnten, wenn er auf dem Bauch lag, da holten sie die Leiter, und da wußte er, daß es mit ihm aus wäre, wenn wir nicht sehr bald kämen. Tom war höchst entrüstet und fragte ihn, warum er denn nicht die Flagge gezeigt und im Namen der Vereinigten Staaten ihnen befohlen hätte, Frieden zu halten? Jim sagte, das hätte er ja getan, sie hätten sich aber gar nicht darum gekümmert. Tom sagte, er wollte dafür sorgen, daß diese Sache in Washington in die Hand genommen würde.