Natürlich gab es für mich eine qualvolle Nacht – wenigstens hielt ich sie dafür, denn es waren alle Symptome vorhanden –, doch schließlich nahm auch sie ein Ende, und die Doktorin der Christlichen Wissenschaft kam, und ich war froh darüber.
Sie stand in mittleren Jahren, war breit, knochig und hoch gewachsen, hatte ein strenges Gesicht, eine auf Entschlossenheit deutende Kinnlade und eine römische Adlernase, war eine Witwe in der dritten Potenz und hieß Fuller. Ich wünschte sehr dringend, daß sie sofort ans Werk ginge, damit ich Erleichterung fände, aber sie war von einer Umständlichkeit, die mich beinahe zur Verzweiflung brachte. Zunächst hatte sie Nadeln auszuziehen, Knöpfe aufzumachen und Schleifen zu lösen; nachdem sie dies – immer hübsch eins nach dem anderen – getan, nahm sie ihre Sachen ab, strich mit der Hand etliche Falten glatt und hängte die Artikel auf. Dann streifte sie die Handschuhe ab und verwahrte sie, zog ein Buch aus ihrer Handtasche, schob einen Stuhl neben mein Bett, ließ sich – aber ohne jede Uebereilung – auf diesen nieder, und ich – ließ meine Zunge heraushängen. Darauf sagte sie mitleidig, ober ohne jede Aufregung:
»Ziehen Sie sie in ihr Behältnis zurück. Wir haben’s mit der Seele zu tun und nicht mit deren unbelebten Werkzeugen.«
Nach meinem Puls zu fühlen, konnte ich ihr nicht anbieten, da das Handgelenk gebrochen war; aber sie merkte, daß ich mich dieserhalb entschuldigen wollte, ehe ich auch nur Worte dafür gefunden hatte, und deutete mir durch eine abwinkende Kopfbewegung an, daß der Puls ebenfalls zu den unbelebten Werkzeugen gehörte, wofür sie keine Verwendung hätte. Ich dachte nun, es wäre am besten, wenn ich ihr sagte, wie mir zumute wäre, damit sie danach meinen Fall beurteilen könnte; aber das war wiederum ein Irrtum von mir: sie brauchte so etwas nicht zu wissen. Ja, meine Bemerkung darüber, wie ich mich fühlte, war sogar eine ganz falsche Ausdrucksweise.
»Man fühlt nicht,« sagte sie verweisend; »Gefühl gibt’s überhaupt nicht; wenn Sie also etwas nicht Vorhandenes als vorhanden bezeichnen, so ist das ein Widerspruch. Materie existiert nicht; existieren tut nur die Seele; die Seele aber kann keinen Schmerz fühlen, sie kann ihn sich nur vorstellen.«
»Aber wenn’s trotzdem weh tut, so ist das doch …«
»Es tut nicht weh. Etwas Unwirkliches kann nicht als Wirklichkeit sich äußern. Schmerz ist unwirklich; also kann Schmerz nicht weh tun.«
Sie machte eine Handbewegung, um zu veranschaulichen, wie sie den eingebildeten Schmerz aus dem Gebiet der Seele herausscheuchte; dabei ritzte sie sich die Hand an einer in ihrem Kleid versteckt sitzenden Stecknadel, sagte »Autsch!« und fuhr ruhig fort:
»Sie sollten niemals davon sprechen, wie Sie sich fühlen, und sollten auch anderen nicht erlauben, eine derartige Frage an Sie zu richten; Sie sollten niemals zugeben, daß Sie krank sind und sollten auch andere Leute nicht in Ihrer Gegenwart von Krankheit oder Tod oder derartigen Nichtwirklichkeiten sprechen lassen. Solcherlei Gerede ermutigt nur die Seele, sich noch weiterhin ihren inhaltlosen Einbildungen hinzugeben.«
Gerade in diesem Augenblick trat das Stubenmädchen der Katze auf den Schwanz, und das Tier schrie in wahnsinnigem Schmerz auf, wie es eben eine Katze tut, die nichts von höheren Dingen versteht. Ich fragte mit möglichst unschuldigem Gesicht: