Er antwortete standhaft und ohne ein Zittern in seiner Stimme:

»Es ist mein letztes Wort. So wahr ich meine mißhandelte Heimat liebe und so wahr ich alles hasse, was hier im Norden die Sonne bescheint: ich sterbe eher, als daß ich diese Dinge enthülle!«

Ich ließ ihn abermals an den Daumen hochziehen. Als er die furchtbarsten Schmerzen litt, da war es herzbrechend, des armen Wesens Schreie mit anzuhören – aber wir brachten nichts anderes aus ihm heraus. Auf jede Frage kreischte er dieselbe Antwort:

»Ich kann sterben und ich will sterben. Aber sprechen werde ich niemals!«

Nun, wir mußten es aufgeben. Wir waren überzeugt, daß er ganz bestimmt lieber sterben als gestehen würde. Wir ließen ihn daher herunter und setzten ihn unter strenger Bewachung in Haft.

Dann hatten wir ein paar Stunden lang alle Hände voll zu tun, um die telegraphischen Berichte an das Kriegsdepartement abzuschicken und alle Vorbereitungen für unseren Ueberfall von Nr. 166 zu treffen.

Es ging aufgeregt her in jener schwarzen bitterkalten Nacht. Es war allerlei durchgesickert, und die ganze Garnison war auf dem Posten. Die Schildwachen waren verdreifacht, und kein Mensch hätte sich drinnen oder draußen rühren können, ohne durch eine Gewehrmündung vor seinem Kopf zum Stehen gebracht zu werden. Webb und ich waren indes jetzt weniger in Sorgen als zuvor, weil die Verschwörung notwendigerweise in ziemlich krüppelhaftem Zustande sein mußte, seitdem so viele von den hervorragendsten Führern in unsere Klauen geraten waren.

Ich beschloß, beizeiten bei Nr. 166 zu sein, B. B. zu fesseln und zu knebeln und somit fertig zu sein, wenn die übrigen ankämen. Ungefähr ein viertel nach eins in der Frühe schlich ich mich an der Spitze von einem halben Dutzend kräftiger und beherzter altgedienter Soldaten aus der Festung heraus; bei uns hatten wir den Knaben Wicklow, dem die Hände auf den Rücken gebunden waren. Ich sagte ihm, wir wären auf dem Weg nach Nr. 166, und wenn ich fände, er hätte uns abermals belogen und uns auf eine falsche Fährte gebracht, so müsse er uns den richtigen Ort zeigen, oder er hätte die Folgen auf sich zu nehmen.

Wir erreichten verstohlen und unter Beobachtung aller Vorsichtsmaßregeln das Wirtshaus. In der kleinen Schänkstube brannte ein Licht; sonst war das ganze Haus dunkel. Ich versuchte die Haustür zu öffnen; sie gab nach, und wir traten leise ein, die Türe hinter uns schließend. Dann zogen wir unsere Stiefel aus, und ich ging voran nach der Schänkstube. Da saß der deutsche Wirt in seinem Lehnstuhl und schlief. Ich weckte ihn vorsichtig und sagte ihm, er solle seine Stiefel ausziehen und uns den Weg zeigen, dabei aber keinen Laut äußern. Er gehorchte ohne Widerrede, war aber augenscheinlich in fürchterlicher Angst. Ich befahl ihm, uns zum Zimmer Nr. 166 voranzugehen. Wir stiegen leise wie die Katzen zwei oder drei Treppen hinan und gingen einen großen Flur entlang bis fast zu seinem äußersten Ende. Dort war eine Tür, durch deren matte Glasscheibe wir bemerkten, daß drinnen ein trübes Licht brannte. Der Wirt tastete sich in der Dunkelheit zu mir heran und wisperte mir zu, es wäre 166. Ich faßte den Türgriff an – die Tür war von innen verschlossen. Dann flüsterte ich einem von meinen stärksten Soldaten einen Befehl zu; wir stemmten unsere breiten Schultern gegen die Tür und sprengten sie mit einem einzigen Druck aus ihren Angeln. Ein schneller Blick zeigte mir undeutlich eine Gestalt, die in einem Bett lag – ich sah wie der Kopf sich der Kerze näherte; aus ging das Licht, und wir standen in pechschwarzer Finsternis! Mit einem einzigen großen Satz war ich auf dem Bett und hielt den darin Liegenden mit meinen Knieen nieder. Mein Gefangener wehrte sich kräftig, aber ich kriegte seine Gurgel mit meiner linken Hand zu packen, und das war eine gute Hilfe für meine Kniee. Dann riß ich flugs meinen Revolver heraus, spannte ihn und legte den kalten Lauf zur Warnung gegen seine Wange. Dabei rief ich:

»Jetzt zünde schnell einer ein Licht an! Ich hab’ ihn sicher.«