»Ich will dich selber zu ihm bringen, armes Kind, und ich will bis zum letzten Augenblick dir zur Seite stehen.«

Auf des Gouverneurs Befehl wurde Clayton jetzt jede von ihm gewünschte Annehmlichkeit gewährt, die seinen Geist anregen und die Härten der Gefangenschaft ihm mildern konnte. Tagsüber waren Weib und Kind bei ihm; nachts leistete ich ihm Gesellschaft. Er wurde aus der engen Zelle herausgebracht, die er während einer so langen traurigen Zeit bewohnt hatte, und erhielt die geräumige und behaglich eingerichtete Wohnung des Oberaufsehers. Sein Geist beschäftigte sich fortwährend mit der Katastrophe seines Lebens und mit dem abgeschlachteten Erfinder, und so kam es ihm denn in den Sinn, er möchte gern das Telelektroskop haben und sich damit unterhalten. Sein Wunsch wurde erfüllt. Sein Zimmer wurde mit der internationalen Fernsprechstelle verbunden, und Tag für Tag und Nacht für Nacht rief er ein Erdenfleckchen nach dem andern an und betrachtete das Leben und die seltsamen Gewohnheiten und sprach mit den Leuten dort und begriff, daß er dank diesem wunderbaren Instrument fast so frei war wie ein Vogel in der Luft, ob er gleich als Gefangener hinter Schloß und Riegel saß. Selten sprach er mit mir, und ich unterbrach ihn niemals, wenn er mit seiner Lieblingsunterhaltung beschäftigt war. Ich saß in seinem Wohnzimmer und las und rauchte, und die Nächte waren sehr ruhig und verliefen friedlich und angenehm in seiner Gesellschaft. Ab und zu hörte ich ihn sagen: »Bitte Yeddo!«, und dann gleich darauf: »Bitte Hongkong!« und wieder: »Bitte Melbourne.« Und ich rauchte und las in aller Bequemlichkeit, während er fern in der Welt auf der andern Seite des Erdballs herumwanderte, wo die Sonne leuchtend am Himmel stand und die Menschen ihrem Tagwerk nachgingen. Zuweilen interessierte mich das Gespräch, das aus jenen fernen Gegenden kam und vermöge des mit dem Fernseher verbundenen Mikrophons in unsrem Zimmer vernehmbar war, und dann hörte ich zu.

Gestern – ich bleibe dabei, von ›gestern‹ zu sprechen, und zwar aus gewissen, ganz natürlichen, Gründen – gestern blieb das Instrument unbenutzt, und das war ebenfalls natürlich, denn es war der Tag vor der Hinrichtung. Er verging mit Weinen und Wehklagen und Abschiednehmen. Der Gouverneur und Claytons Weib und Kind blieben bis nachts um viertel nach elf, und die Auftritte, die ich miterlebte, schnitten einem ins Herz. Die Hinrichtung sollte um vier Uhr morgens stattfinden. Kurz nach elf tönte ein Schall von Hammerschlägen durch die stille Nacht, und draußen wurde es hell, und das Kind rief: »Was ist das, Papa?« und lief ans Fenster, ehe man es zurückhalten konnte, und klatschte in die Händchen und rief: »O komm doch, Mama, und sieh was für ein hübsches Ding sie da machen!« Die Mutter wußte, was sie machten – und sank in Ohnmacht. Es war der Galgen!

Sie wurde nach ihrer Wohnung fortgeschafft, die arme Frau, und Clayton und ich waren allein – allein und brüteten über unseren Gedanken und träumten. So bewegungslos und still saßen wir, daß man uns hätte für Bildsäulen halten können. Es war eine wilde Nacht draußen, denn der Winter war noch einmal zurückgekehrt zu einem kurzen Besuch, wie es in unserer Gegend in der ersten Frühjahrszeit meistens der Fall ist. Der Himmel war sternenlos und schwarz, und ein starker Wind blies vom See her. Das Schweigen im Zimmer war so tief, daß alle Laute von draußen infolge des Gegensatzes übertrieben stark erschienen. Diese Laute paßten zur Stunde, sie entsprachen der Lage und den Umständen; sausend und prasselnd fuhr der Sturm in plötzlichen Stößen über Dächer und Kamine, bis der Lärm an den Wasserrinnen und Häuserecken zu einem Pfeifen und Winseln erstarb; ab und zu schlug knatternd ein Hagelschauer an die Fensterscheiben – und dazu fortwährend die schauerlichen gedämpften Hammerschläge der Zimmerleute, die im Hofe den Galgen aufrichteten. Als dies fertig war, drang nach einer Ewigkeit ein anderer Ton zu uns – aus weiter Ferne und nur ganz schwach durch den Aufruhr des Sturmes hindurchklingend – eine Glocke schlug zwölf! Wieder eine Ewigkeit – dann schlug es abermals. Und dann – noch einmal. Dann folgte eine entsetzlich lange Pause und dann tönte wiederum der Geisterklang zu uns herüber: Eins! – Zwei! – Drei! – Und diesmal stockte uns der Atem dabei: Noch sechzig Minuten zu leben!

Clayton stand auf und trat ans Fenster. Er schaute hinaus in den schwarzen Himmel und horchte auf das Prasseln des Hagels und das Pfeifen des Windes. Dann sagte er: »Und das sollten eines Mannes letzte Augenblicke auf Erden sein?!« Und nach einer kurzen Weile: »Ich muß noch einmal die Sonne sehen – die Sonne!« Und im nächsten Augenblick rief er in fieberhafter Erregung: »China! Verbinden Sie mich mit China – Peking!«

Ich selber war in seltsamer Aufregung und dachte bei mir: »Wie unglaublich – ein gewöhnlicher Mensch vollbringt dieses unermeßliche Wunder: wandelt Winter in Sommer, Nacht in Tag, Sturm in Windstille, gibt einem Gefangenen in seiner Zelle freien Verkehr mit dem ganzen großen Erdball und läßt einen Mann, der in ägyptischer Finsternis stirbt, die Sonne in ihrem nackten Schönheitsglanz schauen!«

Ich hörte dem Gespräch zu:

»Was für ein Licht! welch ein Glanz! welche Strahlenfülle! … Das ist Peking?«

»Ja.«

»Welche Zeit?«