»Nehmen Sie ihn, Herr K., und stecken Sie ihn ein; und wenn der elektrische Fernseher jemals einem Menschen einen wirklichen Dienst leistet – ich betone: einen wirklichen Dienst – so schicken Sie ihn mir bitte als Erinnerungszeichen zu, und ich werde alsdann meine Worte zurücknehmen Wollen Sie?«
»Ich will’s,« sagte K. und steckte die Münze in die Tasche.
Clayton wandte sich nun zu Szczepanik und begann eine höhnische Bemerkung, die er aber nicht zu Ende brachte, denn Szczepanik unterbrach sie mit einem starken Ausdruck und schlug ihm unmittelbar darauf ins Gesicht. Ein paar Augenblicke lang schlugen die beiden Männer aus allen Kräften aufeinander los, dann wurden sie von den Attachés getrennt …
Jetzt wird die Szene nach Chicago verlegt. Zeit: Herbst 1901. Sobald der Vertrag für die Pariser Weltausstellung abgelaufen war, wurde der Fernseher dem öffentlichen Gebrauch übergeben, und es dauerte nicht lange, so war er an das Fernsprechernetz der ganzen Welt angeschlossen. Auf einmal wurde auch der verbesserte ›Fernsprecher für unbegrenzte Entfernungen‹ eingeführt, und die Tagesereignisse auf dem ganzen Erdball konnten jetzt von jedermann mit angesehen werden, und Augenzeugen, die unzählige Meilen von einander entfernt waren, konnten sich in bequem verständlicher Weise über die Geschehnisse unterhalten.
Nach einiger Zeit kam Szczepanik in Chicago an. Clayton, der inzwischen Hauptmann geworden war, stand dort in Garnison. Die beiden Männer nahmen ihren Wiener Streit vom Jahre 1898 wieder auf. Dreimal gerieten sie an verschiedenen Orten aneinander und mußten durch die Anwesenden getrennt werden. Dann verstrichen zwei Monate, während welcher Zeit Szczepanik von keinem seiner Bekannten gesehen wurde; anfangs nahm man an, er habe eine Vergnügungsreise angetreten und werde bald von sich hören lassen. Aber nein; es kam keine Nachricht von ihm. Darauf dachte man, er sei nach Europa zurückgekehrt. Wieder verging einige Zeit, und man hörte immer noch nichts von ihm. Indessen beunruhigte kein Mensch sich deswegen, denn er war wie die meisten Erfinder und andere Dichtersleute: er folgte in Kommen und Gehen seinen eigenen Launen und pflegte gewöhnlich seine Absichten nicht vorher anzukündigen.
Nun kommt die Tragödie. Am 29. Dezember wurde in einem finstern und unbenutzten Raum des Kellers unter Hauptmann Claytons Haus durch eins von Claytons Dienstmädchen ein Leichnam entdeckt. Bekannte Szczepaniks erklärten, es sei dieser. Der Mann war eines gewaltsamen Todes gestorben. Clayton wurde verhaftet, angeklagt und wegen dieses Mordes vor Gericht gestellt. Der Augenschein sprach in jeder Einzelheit und in völlig unanfechtbarer Weise gegen ihn. Clayton gab dieses selber zu. Er sagte, ein vernünftiger Mann, der alle Anzeichen mit leidenschaftslosem Sinn erwöge, müßte dadurch überzeugt werden – und würde trotzdem sich irren! Clayton schwor, er habe den Mord nicht begangen und sei in keiner Weise daran beteiligt gewesen.
Er wurde, wie Ihre Leser sich erinnern werden, zum Tode verurteilt. Er hatte zahlreiche und mächtige Freunde, und sie gaben sich große Mühe, ihn zu retten, denn keiner von ihnen bezweifelte die Wahrheit seiner Versicherung. Ich half nach meinen schwachen Kräften mit, denn ich war jetzt seit langer Zeit eng mit ihm befreundet und glaubte bestimmt zu wissen, daß es nicht in seinem Charakter lag, einen Feind in einen Winkel zu locken und dort zu ermorden. Während der Jahre 1902 und 1903 wurde ihm mehrere Male vom Gouverneur Aufschub der Strafe bewilligt; noch einmal wurde ihm zu Anfang des gegenwärtigen Jahres Frist gewährt und die Vollstreckung des Urteils bis zum 31. März verschoben.
Der Gouverneur befand sich vom Tage der Verurteilung an in einer peinlichen Lage – denn Claytons Gattin ist eine Nichte des Gouverneurs. Die Heirat fand im Jahre 1899 statt, als Clayton 34 und das Mädchen 23 Jahre alt war, und die Ehe war eine glückliche. Es ist ein Kind vorhanden, ein dreijähriges kleines Mädchen. Mitleid mit der armen Mutter und dem Kindchen schloß anfangs den Nörglern den Mund; aber dies konnte nicht immer so bleiben, denn in Amerika spricht bei allen Verhältnissen die Politik mit – und allmählich begannen des Gouverneurs politische Gegner die öffentliche Aufmerksamkeit darauf zu lenken, daß in diesem Fall dem Gesetz nicht ungehemmter Lauf gelassen werde. Diese Winke wurden in letzter Zeit immer häufiger und immer deutlicher. Natürlich wurden des Gouverneurs eigne Parteigenossen dadurch nervös gemacht. Die Führer der Partei fingen an sich in Springfield einzufinden und lange vertrauliche Besprechungen mit dem Gouverneur zu halten. Dieser befand sich jetzt zwischen zwei Feuern. Auf der einen Seite flehte seine Nichte ihn an, ihren Gatten zu begnadigen, auf der andern bestanden die Parteiführer darauf, er müsse seine klare Pflicht als erster Beamter des Staates erfüllen und dürfe Claytons Hinrichtung nicht länger aufhalten. Das Pflichtgefühl gewann in diesem Kampf die Oberhand, und der Gouverneur gab sein Wort, er werde dem Verurteilten keinen Aufschub mehr gewähren. Dies war vor zwei Wochen; Frau Clayton ging nun zum Gouverneur und sagte ihm:
»Jetzt, wo du dein Wort gegeben hast, ist meine letzte Hoffnung geschwunden, denn ich weiß, du wirst es niemals zurücknehmen. Aber du hast für John alles getan, was du konntest, und ich mache dir keinen Vorwurf. Du liebst ihn und liebst mich, und wir wissen, wenn du ihn in Ehren retten könntest, so würdest du es tun. Ich will jetzt zu ihm gehen, ihm beistehen, so gut ich kann, und ihm die paar Tage bis zu der grauenvollen Nacht, die für mich kein Ende haben wird, so angenehm wie möglich machen. Du wirst an jenem Tage bei mir sein? Du wirst mich’s nicht allein tragen lassen?«