I.
Bericht der ›London Times‹.
Chicago, den 5. April 1904.
Ich setze mittels Kabeltelephons den gestern abgebrochenen Bericht fort. Seit vielen Stunden hat jetzt die ungeheure Stadt – und mit ihr natürlich auch der übrige Teil des Erdballs – von nichts anderem gesprochen als von dem außerordentlichen Auftritt, den ich in meinem letzten Bericht erwähnte. Den Weisungen der Redaktion entsprechend will ich jetzt den Roman in seinem ganzen Verlauf schildern, vom Anfang bis zu dem Gipfelpunkt von gestern – oder heute; nennen Sie den Tag wie Sie wollen. Infolge eines eigentümlichen Zufalls war ich selber in einem Teil des Dramas persönlicher Mitwirkender. Die Eröffnungsszene spielt in Wien. Datum: ein Uhr morgens am 31. März 1898. Ich war den Abend zu Tisch eingeladen gewesen und hatte ungefähr um Mitternacht zusammen mit den Militärattachés der Britischen, der Italienischen und der Amerikanischen Botschaft die Gesellschaft verlassen, um zum Schluß noch eine späte Zigarre zu rauchen. Dies sollte im Hause des Leutnants Hillyer, des dritten von den oben genannten Attachés, vor sich gehen. Bei unsrer Ankunft fanden wir mehrere Besucher im Salon: den jungen Szczepanik; Herrn K., der Szczepaniks Projekte finanzierte; Herrn W., den Sekretär des Herrn K., und Leutnant Clayton von der Armee der Vereinigten Staaten. Der Krieg zwischen Spanien und den Vereinigten Staaten drohte damals gerade auszubrechen, und Leutnant Clayton war in militärischen Angelegenheiten nach Europa geschickt worden. Den jungen Szczepanik und seine beiden Freunde kannte ich recht gut, Clayton dagegen nur oberflächlich. Ich hatte ihn vor Jahren in West Point getroffen, als er dort Kadett war. Es war zur Zeit, als General Merritt Kommandeur der Militärschule war. Clayton galt für einen befähigten Offizier, zugleich aber für leicht erregbar und ziemlich gerade in seinen Worten.
Die Herren, die nunmehr im Rauchzimmer versammelt waren, waren zum Teil in geschäftlichen Angelegenheiten erschienen. Dieses Gespräch betraf eine Beratung über die Verwendbarkeit des elektrischen Fernsehers oder Telelektroskops für den militärischen Dienst. Es klingt jetzt sonderbar genug, ist aber trotzdem wahr, daß damals die Erfindung von keinem Menschen ernst genommen wurde, außer vom Erfinder selber. Sogar der Gönner, der das Geld hergab, betrachtete sie lediglich als ein merkwürdiges und interessantes Spielzeug. Er war sogar so überzeugt hievon, daß er einen Vertrag abgeschlossen hatte, durch welchen die Einführung des Fernsehers im Weltverkehr bis zum Ende des zur Rüste gehenden Jahrhunderts hinausgeschoben wurde; für zwei Jahre hatte er nämlich das Recht des ausschließlichen Betriebes einem Syndikat überlassen, das die Erfindung auf der Pariser Weltausstellung auszubeuten gedachte. Als wir das Rauchzimmer betraten, fanden wir Clayton und Szczepanik in einen in deutscher Sprache geführten hitzigen Disput über das Telelektroskop verwickelt. Clayton sagte gerade:
»Nun, Sie kennen jedenfalls meine Meinung darüber!« – und dabei schlug er nachdrucksvoll mit der Faust auf den Tisch.
»Und ich mache mir aus Ihrer Meinung nichts!« versetzte der junge Erfinder mit herausfordernder Ruhe in Ton und Haltung.
Clayton wandte sich zu Herrn K. und sagte:
»Ich kann einfach nicht begreifen, warum Sie Ihr Geld an eine solche Spielerei vergeuden. Ich bin überzeugt, niemals wird der Tag erscheinen, wo sie irgend einem menschlichen Wesen einen wirklichen Dienst leistet, der auch nur einen Farthing wert wäre.«
»Das kann sein; ja, das kann sein; trotzdem habe ich mein Geld da hineingesteckt, und ich bin zufrieden, daß ich’s getan habe. Ich glaube selber, daß es nur Spielerei ist; aber Szczepanik stellt seine Erfindung höher, und so wie ich ihn kenne, glaube ich, daß er weiter blickt als ich – und zwar sowohl mit seinem Telelektroskop als ohne dasselbe.«
Die freundliche Antwort kühlte Claytons Aerger nicht ab, sie schien ihn im Gegenteil nur noch mehr zu reizen, und er wiederholte in noch stärkeren Ausdrücken seine Versicherung, er sei überzeugt, daß die Erfindung keinem Menschen jemals für einen Farthing wirklichen Nutzen bringen werde. Diesmal sprach er sogar von einem ›kupfernen Farthing‹. Dann legte er einen englischen Farthing auf den Tisch und fuhr fort: