»Unser Junge! Unser Liebling! Gott sei gepriesen! Der Verlorene ist wiedergefunden. Der tot war, ist wieder am Leben!«
Nun, mein lieber Herr, was meinen Sie dazu: Die junge Kröte war da in dem Hause geboren und aufgewachsen und war sein ganzes Leben lang nicht weiter als fünf Meilen weg gewesen, bis er vor vierzehn Tagen in meine Wohnung gestrolcht kam und mich mit seiner rührseligen Räubergeschichte an der Nase herumführte! Das ist so wahr wies Evangelium. Der alte Mann war sein Vater – ein gelehrter alter Geistlicher, der sich zur Ruhe gesetzt hatte, und die alte Dame war seine Mutter.
Ich möchte mit ein paar Worten erklären, wie der Junge auf seine Streiche verfallen war. Er war, wie sich herausstellte, ein rasender Leser von Schauergeschichten und Sensationszeitungen – dunkle Geheimnisse und strahlende Heldentaten waren daher gerade so recht sein Fall. Er hatte in den Zeitungen gelesen, daß sich Rebellenspione fortwährend in unserer Mitte herumtrieben; die Geschichten von ihren grauslichen Absichten und von den zwei oder drei aufregenden Heldentaten, die sie wirklich ausführten, hatten auf seine Einbildungskraft gewirkt, bis sie schließlich in hellen Flammen stand. Mehrere Monate lang war sein beständiger Kamerad ein Yankeejüngling von großer Zungenbegabung und lebhafter Phantasie gewesen. Dieser hatte als ›Dreckschreiber‹ d. i. Unterzahlmeister, auf mehreren von den Dampfbooten gedient, die den Verkehr von New Orleans zwei- oder dreihundert Meilen den Mississippi aufwärts vermitteln – daher seine Gewandtheit in der Verwendung der Namen und gewisser Einzelheiten, die sich auf jene Gegend bezogen. Nun hatte ich selber in jenem Teil von Louisiana vor dem Ausbruch des Krieges zwei oder drei Monate zugebracht und ich wußte gerade genug, um mit Leichtigkeit auf die Geschichten des Burschen hineinzufallen, während hingegen ein geborener Louisianer ihn wahrscheinlich binnen fünfzehn Minuten bei seinem Schwindeln ertappt haben würde. Und wissen Sie, warum er sagte, er wollte lieber sterben, als gewisse Rätsel seiner Verschwörung erklären? Ganz einfach, weil er sie nicht erklären konnte. Sie hatten gar keine Bedeutung; er hatte sie ohne jeden Hinter- oder Vordergedanken reinweg aus seiner Einbildung geschöpft; als nun plötzlich von ihm verlangt wurde, eine Erklärung davon zu geben, da konnte er diese nicht so schnell erfinden. So z. B. konnte er das in dem mit ›sympathetischer Tinte‹ geschriebenen Brief verborgene Geheimnis nicht enthüllen – aus dem mehr als hinreichenden Grunde, weil darin überhaupt nichts verborgen war; es war bloß leeres Papier. Er hatte nichts in einer Kanone verborgen und hatte nie die Absicht gehabt, es zu tun – denn seine Briefe waren sämtlich an Personen geschrieben, die nur in seiner Phantasie existierten. Er wußte also auch nichts von dem geknoteten Bindfaden, denn er sah das Ding zum erstenmal, als ich es ihm zeigte. Sobald er aber von mir herausgebracht hatte, wo die Schnur gefunden war, machte er sich den Umstand in seinem romantischen Gemüt sofort zu Nutze und erzielte einige schöne Effekte damit. Er erfand Herrn ›Gaylord‹; es gab zufällig gerade damals gar keine Nr. 15 in Bondstreet – das Haus war drei Monate vorher abgebrochen worden. Er erfand den ›Oberst‹; er erfand die mit glatter Zunge erzählten Geschichten der unglückseligen Leute, die ich verhaftete und ihm gegenüberstellte. Er erfand ›B. B.‹; er erfand sogar, sozusagen, Nr. 166, denn er wußte nicht eher, daß es im Gasthof zum Adler diese Zimmernummer gab, als bis wir mit ihm hingingen. Er war bereit, alles und jedes zu erfinden, wie es gerade erforderlich war. Wenn ich nach Spionen ›außerhalb des Forts‹ fragte, nun da beschrieb er sofort Fremde, die er im Hotel gesehen und deren Namen er zufällig gehört hatte. Ah, er lebte in einer ungeheuerlichen, geheimnisvollen, romantischen Welt während dieser paar Tage, und ich glaube, für ihn war es Wirklichkeit und er hatte an ihr seine Lust bis in die tiefste Tiefe seiner Seele hinein.
Aber uns machte er Unannehmlichkeiten genug und wirklich endlose Scherereien. Sie begreifen: auf seine Veranlassung hin hatten wir fünfzehn oder zwanzig Leute aufs Fort gebracht und sie, mit einer Schildwache vor jeder Tür, in Einzelhaft gesetzt. Zum Teil waren die Verhafteten Soldaten und dergleichen Leute, und denen gegenüber brauchte ich mich nicht zu entschuldigen. Aber die übrigen waren Herrschaften erster Güte, aus allen Gegenden der Union, und so viele Entschuldigungen, wie die verlangten, konnte ich gar nicht zu stande bringen! Sie schäumten und tobten einfach vor Wut und machten einen unendlichen Lärm. Und dann die beiden Damen – die eine war die Gemahlin eines Kongreßmannes aus Ohio, die andere die Schwester eines Bischofs aus dem Westen – na, der verächtliche Hohn und die ärgerlichen Tränen, womit sie mich überschütteten! Ich dachte mir gleich, die Damen würde ich wohl recht lange im Gedächtnis behalten – und so ist’s wirklich eingetroffen und wird auch so bleiben. Der lahme alte Herr mit der grünen Brille war ein College-Vorsteher von der Universität Philadelphia, der nach New London gekommen war, um dem Begräbnis eines Neffen beizuwohnen. Er hatte natürlich Jung-Wicklow niemals vorher gesehen. Nun, er versäumte nicht nur die Beerdigung und wurde als Rebellenspion ins Loch gesteckt, sondern Wicklow war in meiner Wohnung vor ihn hingetreten und hatte ihn ganz kaltblütig als Urkundenfälscher, Niggerhändler, Pferdedieb und Brandstifter aus der verruchtesten Schurkenhöhle in Galveston bezeichnet, und das war etwas, was der arme alte Herr anscheinend durchaus nicht verdauen konnte.
Und das Kriegsdepartement! – Aber du lieber Gott, ziehen wir lieber den Vorhang darüber zu!
Anmerkung: Ich zeigte mein Manuskript dem Major, und er sagte: »Ihre geringe Vertrautheit mit militärischen Verhältnissen hat Sie zu einigen kleinen Mißverständnissen verleitet. Indessen, da sie der Geschichte sogar einen ganz hübschen Aufputz geben – lassen wir sie stehen. Militärs werden darüber lächeln, und andere Leser werden sie gar nicht bemerken. Sie haben die Hauptzüge der Geschichte richtig erfaßt und sie genau so wiedergegeben, wie sie sich zugetragen haben.«
M. T.
Aus den ›London Times‹ von 1904[8]
[8] Veröffentlicht wurde diese Phantasie im Jahre 1900.