»Und warum können Sie das nicht?«

»Ich muß gehen – gleich jetzt im Augenblick.«

»Sie haben eine Verpflichtung?«

Pause. Dann ein leises »Ja«. Wieder eine Pause. Dann: »Wer sind die Leute unter dem prachtvollen Zeltdach?«

»Die kaiserliche Familie und Fürstlichkeiten, die aus allen Gegenden der Welt als Gäste gekommen sind.«

»Und wer sind die anderen in den anstoßenden Zelten zur Rechten und zur Linken?«

»Unter dem Zeltdach rechts Gesandte mit Familien und Gefolge; zur Linken Fremde ohne amtlichen Charakter.«

»Wenn Sie so gut sein wollen, ich …«

Bumm! Wieder erscholl durch das Unwetter von Sturm und Hagel die ferne Glocke und meldete mit schwacher Stimme die halbe Stunde. Die Tür ging auf, und der Gouverneur trat ein; mit ihm Mutter und Kind – die Frau im Witwengewand! Mit leidenschaftlichen Tränen warf sie sich ihrem Gatten an die Brust und ich – ich mußte hinaus; ich konnte es nicht ertragen. Ich ging in das Schlafzimmer und schloß die Tür. Dort saß ich und wartete – wartete – wartete, und lauschte dem Hagelgeprassel und Sturmesgesause. Mir war’s, als verginge eine lange lange Zeit, dann hörte ich ein Geraschel und Hinundhergehen im Wohnzimmer, und ich wußte, jetzt waren der Geistliche, der Sheriff und der Gefängniswärter eingetreten. Dann wurde leise gesprochen; dann alles still; dann ein Gebet, mit Schluchzen untermischt; auf einmal der Klang von Schritten – der Aufbruch zum Schafott; und dann noch des Kindes glückliche Stimme: »Ach weine doch nicht mehr, Mama; jetzt haben wir da doch Papa wieder und nehmen ihn mit nach Hause!«

Die Tür fiel zu; sie waren fort. Ich schämte mich; ich war des zum Sterben Bestimmten einziger Freund, der keine geistige Kraft, keinen Mut hatte. Ich trat ins Wohnzimmer und sagte laut, ich wollte ein Mann sein und auch hingehen. Aber über uns selbst können wir nicht hinaus – können es mit dem besten Willen nicht. Ich ging nicht.